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Geschichte des Zieglerhandwerks – Lehm, Brennofen & Bauwesen

Ziegler formten und brannten Lehm zu Mauer- und Dachziegeln und versorgten das Bauwesen mit einem standardisierbaren Werkstoff.

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Geschichte des Zieglerhandwerks – Lehm, Brennofen & Bauwesen
Der Ziegler im Ständebuch von 1568. Jost Amman / Hans Sachs, Das Ständebuch, 1568 · Wikimedia Commons

Historisches Handwerk

Der Ziegler gehörte über Jahrhunderte zu den wichtigsten Handwerkern des Bauwesens. Seine Arbeit machte aus unscheinbarem Ton einen normierbaren, transportfähigen und dauerhaften Baustoff. Wo Naturstein fehlte oder teuer war, schuf der gebrannte Ziegel die Voraussetzung für Häuser, Klöster, Kirchen, Stadtmauern, Fabriken und ganze Stadtviertel. Hinter jedem historischen Backstein standen mehrere aufeinander abgestimmte Arbeitsschritte: Ton gewinnen, aufbereiten, formen, trocknen, brennen, sortieren und lagern.

Die Geschichte des Zieglerhandwerks reicht weit vor das europäische Zunftwesen zurück. In Mesopotamien wurden bereits Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung Lehm- und gebrannte Ziegel verwendet. Im mittelalterlichen Norddeutschland entstand eine eigenständige Backsteinarchitektur. Im 19. Jahrhundert verwandelten Strangpressen, Dampfmaschinen und der Hoffmannsche Ringofen die saisonale Ziegelhütte in eine industrielle Fabrik. Heute ist Ziegler vor allem eine historische Berufsbezeichnung; die moderne Ziegelproduktion gehört zur keramischen Industrie und wird unter anderem von Industriekeramik-Fachkräften betrieben.

1. Vom Lehmklumpen zum Baustoff

Ton und Lehm bestehen aus sehr feinen mineralischen Bestandteilen, die mit Wasser plastisch werden. Genau diese Formbarkeit machte sie früh zu wertvollen Baustoffen. Ein ungebrannter Lehmziegel konnte in einer Form hergestellt und in Sonne und Luft getrocknet werden. Durch Brennen verändert sich das Material dauerhaft: Es verliert chemisch gebundenes Wasser, sintert je nach Temperatur und Zusammensetzung und wird wasserbeständiger sowie druckfester.

Der Ziegler musste deshalb mehr können als nur eine Form füllen. Er brauchte Erfahrung mit der Lagerstätte, der Feuchtigkeit des Tons, Zuschlägen, Trocknung, Feuerführung und dem Verhalten des Materials beim Schwinden.

2. Mesopotamien: Ziegelbau vor mehr als 4.000 Jahren

In den großen Flusslandschaften Mesopotamiens war geeigneter Baustein vielerorts knapp, Lehm dagegen reichlich vorhanden. Bereits lange vor den ersten europäischen Handwerksordnungen wurden dort Lehmziegel in großer Zahl hergestellt. Gebrannte Ziegel kamen besonders dort zum Einsatz, wo Feuchtigkeit, Abrieb oder repräsentative Bauaufgaben eine höhere Beständigkeit verlangten.

Ein im Metropolitan Museum erhaltenes beschriftetes Ziegelstück aus Nippur stammt aus der Zeit des Königs Ur-Nammu, etwa 2112–2095 v. Chr.. Es zeigt, wie eng Ziegelproduktion, Herrschaft und monumentales Bauen schon damals verbunden waren.

3. Ungebrannter und gebrannter Ziegel

Historisch existierten beide Techniken nebeneinander. Luftgetrocknete Lehmziegel benötigten wenig Brennstoff und konnten lokal hergestellt werden, waren aber gegenüber dauernder Feuchtigkeit empfindlicher. Gebrannte Ziegel erforderten große Mengen Brennmaterial, einen kontrollierten Ofen und zusätzliche Arbeitszeit, boten dafür aber höhere Beständigkeit.

Die Entscheidung für eine Technik hing von Klima, Brennstoff, Bauaufgabe und lokalen Traditionen ab. Der Ziegler war deshalb immer auch Teil einer regionalen Rohstoffwirtschaft.

Ziegler bei der Ziegelherstellung in Jost Ammans Ständebuch von 1568
Ziegler im Ständebuch von Jost Amman, 1568. Gemeinfreie historische Berufsdarstellung.

4. Antike Ziegeltechnik

Auch Griechen und Römer nutzten gebrannte Ziegel, Dachziegel und keramische Bauteile. Im Römischen Reich wurden Ziegel teilweise mit Stempeln versehen, die Herstellungszusammenhänge, Werkstätten oder Eigentumsverhältnisse erkennen lassen. Für Militärbauten, Thermen, Hypokausten und städtische Architektur waren keramische Bauteile von großer Bedeutung.

Mit dem Ende der römischen Herrschaft verschwand die Technik nördlich der Alpen nicht völlig, doch ihr Umfang und ihre Organisation veränderten sich regional stark.

5. Mittelalterliche Wiederbelebung der Backsteintechnik

In Norddeutschland gewann gebrannter Backstein im Hochmittelalter außerordentliche Bedeutung. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz beschreibt, dass die entwickelte Backsteintechnik um die Mitte des 12. Jahrhunderts aus Oberitalien nach Norddeutschland gelangte. Die 1148 begonnene Klosterkirche Jerichow gehört zu den frühen Schlüsselbauten; der Dom zu Ratzeburg folgte ab etwa 1160/70.

Die Technik war für das norddeutsche Tiefland ideal: Naturstein war begrenzt, Tonlagerstätten dagegen vielerorts verfügbar. Aus dem Baustoff entstand die bis heute charakteristische Backsteingotik.

6. Klostersteine und mittelalterliche Maße

Großformatige sogenannte Klostersteine verbreiteten sich ungefähr ab 1180. Ihre Abmessungen orientierten sich an regionalen Fußmaßen und am Formkasten. Der Ziegler musste dabei das Schwinden berücksichtigen: Ein frisch geformter Grünling ist größer als der trockene und schließlich gebrannte Stein.

Zisterzienser und Prämonstratenser spielten bei der Verbreitung der Backsteintechnik eine wichtige Rolle. Große Klosterbaustellen benötigten enorme Stückzahlen und förderten damit spezialisierte Produktionsplätze.

7. Wo eine Ziegelei entstehen konnte

Historische Ziegeleien lagen bevorzugt nahe guter Tonvorkommen, Wasser, Brennstoff und Transportwegen. Der Rohstoff ist schwer; lange Transporte von ungebranntem Ton waren unwirtschaftlich. Häufig entstanden deshalb Feldziegeleien unmittelbar bei einer Baustelle oder an einer Lagerstätte.

Später wurden dauerhafte Ziegeleien an Flüssen, Kanälen und Eisenbahnen attraktiv. So verlagerte sich das Gewerbe von temporären Produktionsplätzen zu kapitalintensiven Betrieben.

8. Ton gewinnen und „wintern“

Der Ton wurde mit Spaten, Hacke und später mechanischen Baggern gewonnen. In vielen Betrieben lagerte man ihn im Freien, damit Frost, Regen und wiederholtes Umsetzen größere Klumpen aufschlossen. Dieses sogenannte Wintern erleichterte die weitere Aufbereitung.

Steine, Wurzeln und andere Fremdkörper mussten entfernt werden. Je nach Material wurden Sand oder andere Magerungsmittel zugesetzt, um zu starkes Schwinden und Rissbildung zu vermeiden.

9. Aufbereitung: treten, kneten, mischen

Vor der Mechanisierung war die Tonaufbereitung körperlich schwer. Ton wurde mit Wasser gemischt, getreten, geschlagen und mit einfachen Werkzeugen homogenisiert. Später übernahmen Kollergänge, Walzwerke und Mischmaschinen diese Arbeit.

Die richtige Konsistenz war entscheidend: Zu nasser Ton klebte und verzog sich, zu trockener ließ sich schlecht formen und schloss Hohlräume ein.

Ziegelform zum manuellen Formen von Lehmziegeln
Eine hölzerne Ziegelform zeigt das Grundprinzip der handwerklichen Serienfertigung.

10. Der Formkasten und der Handstrich

Beim klassischen Handstrich wurde eine Portion Ton kräftig in einen hölzernen Formkasten geworfen. Ziel war es, auch die Ecken vollständig zu füllen und Lufttaschen zu vermeiden. Überschüssiges Material wurde abgestrichen, danach hob man die Form ab.

Sand oder Wasser konnten als Trennmittel dienen. Ein geübter Ziegler entwickelte einen schnellen, rhythmischen Arbeitsablauf und konnte mit Helfern sehr große Tagesmengen herstellen.

Frisch geformte handgestrichene Ziegel beim Trocknen unter einem Schutzdach
Frisch geformte Ziegel müssen vor dem Brennen langsam und gleichmäßig trocknen.

11. Trocknen – der unterschätzte Arbeitsschritt

Frische Ziegel konnten nicht sofort in den Ofen. Beim Trocknen verlässt freies Wasser den Ton; der Stein schrumpft. Geschieht das zu schnell oder ungleichmäßig, entstehen Risse, Verzug oder abgeplatzte Kanten. Deshalb wurden Grünlinge zunächst vorsichtig umgesetzt und später in Trockenschuppen oder luftigen Stapeln gelagert.

Wetter war für traditionelle Ziegeleien ein Produktionsfaktor. Feuchte Sommer verlängerten die Trocknung, Frost konnte ungebrannte Ware zerstören.

Rohziegel beim Trocknen vor dem Brennen
Roh- beziehungsweise Grünlinge beim Trocknen – ein kritischer Arbeitsschritt zwischen Formen und Brennen.

12. Saisonarbeit und Arbeitsalltag

Viele alte Ziegeleien arbeiteten stark saisonal. Tongewinnung und Formung waren von Wetter und Frost abhängig, während Brennperioden nach ausreichender Trocknung geplant wurden. Der Arbeitstag begann früh und war von schwerem Heben geprägt: Ton, Formen, Grünlinge und fertige Ziegel mussten immer wieder bewegt werden.

Neben dem eigentlichen Ziegler arbeiteten Tonstecher, Former, Karrenfahrer, Ofensetzer, Brenner, Auskarrer und Hilfskräfte. Der Beruf war damit häufig Teil einer ganzen Produktionsgemeinschaft.

13. Vom Feldbrand zum festen Ofen

Eine frühe Methode war der Feld- oder Meilerbrand. Getrocknete Ziegel wurden so aufgesetzt, dass Brennstoff und heiße Gase durch den Stapel ziehen konnten. Solche Brände waren schwer gleichmäßig zu steuern. Die Qualität innerhalb eines Brandes konnte stark schwanken.

Feste Öfen verbesserten Kontrolle und Wiederholbarkeit. Dennoch blieb die Erfahrung des Brenners entscheidend: Farbe allein war kein zuverlässiger Temperaturmesser, und unterschiedliche Tonlagen reagierten verschieden.

14. Feuerführung und Brennqualität

Beim Brennen mussten Temperatur und Luftzufuhr schrittweise gesteigert werden. Zu schnelles Aufheizen konnte Restfeuchte explosionsartig austreiben. Zu niedrige Temperaturen ergaben schwache, zu hohe Temperaturen verformte oder verschmolzene Ware.

Erfahrene Ziegler beurteilten Zug, Flammenbild, Ofengeräusche und Probesteine. Fehlbrände bedeuteten hohe Verluste, denn Brennstoff und Wochen an Vorarbeit waren bereits investiert.

Historische Ziegelei mit trocknenden Ziegeln im Jahr 1917
Ziegelei im Jahr 1917: große Mengen Rohziegel wurden vor dem Brand in offenen oder überdachten Anlagen getrocknet.

15. Sortieren: nicht jeder Ziegel war gleich

Nach dem Abkühlen wurden Ziegel nach Härte, Form und Brennzustand sortiert. Unterschiedliche Positionen im Ofen erzeugten verschiedene Qualitäten. Stark gebrannte Steine konnten besonders widerstandsfähig sein, unterbrannte Ware war poröser.

Auch Farbunterschiede waren typisch. Was heute als reizvolle historische Unregelmäßigkeit gilt, spiegelte früher Brennführung, Rohstoff und Ofenposition wider.

16. Ziegler, Zunft und lokale Ordnung

Das Zieglerhandwerk war nicht überall gleich organisiert. In manchen Städten unterlagen Ziegler städtischen oder zunftähnlichen Regeln, andernorts arbeiteten sie für Grundherren, Klöster oder auf saisonalen Baustellen. Deshalb gibt es keine einzige, für ganz Mitteleuropa gültige „Zieglerzunftordnung“.

Reglementiert wurden je nach Ort unter anderem Maße, Qualität, Brennplätze, Feuergefahr, Preise und Lieferpflichten. Besonders wichtig war die Kontrolle der Formate, weil uneinheitliche Ziegel das Mauerwerk erschwerten.

17. Lehrling, Geselle und Meister

Wo das Gewerbe zünftig organisiert war, erfolgte Wissenstransfer über Lehrverhältnisse, Gesellenzeit und Meisterschaft. Vieles wurde praktisch vermittelt: Ton beurteilen, Formen vorbereiten, Grünlinge richtig handhaben, einen Ofen setzen und einen Brand führen.

Auf Wanderung konnten Gesellen neue Ofentypen und Produktionsweisen kennenlernen. Zugleich blieb Ziegelherstellung lange stark regional, weil Tonzusammensetzung und Brennstoffversorgung ortsgebunden waren.

18. 1568: Jost Amman zeigt den Ziegler

Jost Ammans Ständebuch von 1568 stellt den Ziegler als eigenständigen Beruf dar. Solche Holzschnitte sind keine fotografischen Dokumente, zeigen aber anschaulich, welche Tätigkeiten und Werkzeuge Zeitgenossen mit dem Gewerbe verbanden.

Die Darstellung gehört zu den wichtigsten ikonografischen Quellen für das frühneuzeitliche Handwerk.

19. Backstein als Stadtbaustoff

Mit wachsender Stadtbevölkerung stieg der Bedarf an langlebigem, feuersichererem Mauerwerk. Ziegel wurden für Wohnhäuser, Speicher, Befestigungen, Kirchen und öffentliche Gebäude gebraucht. In Regionen mit Backsteintradition prägte der Baustoff komplette Stadtbilder.

Dachziegel und Mauerziegel konnten in verwandten Produktionszusammenhängen entstehen, erforderten aber unterschiedliche Formen und teilweise andere Brennführung.

Historische Ziegelei mit Brennofen und Trockenschuppen um 1964
Historische Ziegelei mit Brennofen und Trockenschuppen – die räumliche Trennung der Produktionsschritte blieb lange sichtbar.

20. Industrialisierung ab etwa 1850

Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wandelte sich das Gewerbe grundlegend. Die deutsche Ziegelindustrie beschreibt den Weg von der handwerklichen Ziegelhütte zum mechanisierten Werk als Teil der allgemeinen Industrialisierung ab etwa 1850. Maschinen bereiteten Ton auf, formten kontinuierliche Stränge und reduzierten die Abhängigkeit von reiner Handarbeit.

Dampfmaschinen ermöglichten größere Misch- und Formanlagen. Eisenbahnen erschlossen neue Absatzmärkte und machten den Transport großer Stückzahlen wirtschaftlicher.

21. Carl Schlickeysen und die Strangpresse

Der Berliner Maschinenbauer Carl Schlickeysen entwickelte 1854 eine wegweisende Schrauben- beziehungsweise Schneckenpresse für plastische Massen. Das Prinzip führte zur kontinuierlichen Strangformung: Ton wurde durch ein Mundstück gepresst und anschließend auf Steinlänge abgeschnitten.

Damit ließ sich die Formgebung mechanisieren und vereinheitlichen. Der Ziegler wurde vom Handformer zunehmend zum Maschinenführer und Prozessfachmann.

22. 1858: Hoffmann und Licht patentieren den Ringofen

Eine zweite Revolution war der kontinuierliche Ringofen von Friedrich Hoffmann und Albert Licht. Das österreichische Privileg datiert vom 17. April 1858, das preußische Patent vom 27. Mai 1858. Der erste Ringofen wurde 1859 in Scholwin bei Stettin errichtet.

Statt nach jedem Brand den gesamten Ofen abkühlen und neu beschicken zu müssen, wanderte die Feuerzone durch mehrere Kammern. Abwärme wärmte nachfolgende Ware vor, während gebrannte Ziegel kontrolliert abkühlten. Das sparte Brennstoff und erlaubte nahezu kontinuierliche Produktion.

Hoffmann-Ringofen einer historischen Ziegelei
Der Hoffmannsche Ringofen revolutionierte ab 1858 den kontinuierlichen Ziegelbrand.

23. Wie der Ringofen arbeitet

Ein klassischer Hoffmannofen besteht aus einer ringförmig oder später auch geradlinig angeordneten Folge von Brennkammern. Einige Kammern werden beschickt, andere vorgewärmt, eine Zone steht im eigentlichen Brand, wieder andere kühlen ab. Der Feuerfortschritt wird durch Zugführung und Brennstoffgabe gesteuert.

Um 1870 hatte sich die Technik stark verbreitet. Sie war eine zentrale Voraussetzung für die Massenproduktion von Ziegeln für die schnell wachsenden Industriestädte.

Kontinuierlicher Hoffmann-Ofen mit mehreren Brennkammern
Ringofen mit mehreren Brennkammern: Das Feuer wanderte durch die Kammern, während andere Bereiche vorgewärmt oder abgekühlt wurden.

24. Gründerzeit und Millionen von Ziegeln

Die Stadterweiterungen des späten 19. Jahrhunderts verschlangen enorme Mengen Mauerziegel. Mietskasernen, Fabriken, Bahnhöfe, Kanalisationen und Infrastrukturbauten machten Ziegeleien zu Industrieunternehmen. 1897 wurde der Verband deutscher Tonindustrieller gegründet – ein Zeichen für die zunehmende organisatorische und technische Professionalisierung der Branche.

Der einzelne handwerkliche Ziegler verlor dabei an Bedeutung, während spezialisierte Maschinenführer, Brenner, Techniker und Betriebsleiter wichtiger wurden.

25. Vom Ringofen zum Tunnelofen

Im 20. Jahrhundert setzte sich in großen Werken zunehmend der Tunnelofen durch. Dabei bleibt die Brennzone ortsfest, während die Ware auf Ofenwagen durch Vorwärm-, Brenn- und Kühlzonen fährt. Automatische Regelung verbessert Temperaturführung und Gleichmäßigkeit.

Auch Trockner wurden kontrollierbarer. Damit verschwand ein wesentlicher Unsicherheitsfaktor der saisonalen Handziegelei: die Abhängigkeit vom Wetter.

26. Moderne Ziegelproduktion

Heute werden Rohstoffe analysiert, dosiert, zerkleinert, gemischt und homogenisiert. Formgebung erfolgt durch Strangpressen oder andere industrielle Verfahren. Automatische Schneidanlagen, Robotik, Trockner und Brennöfen sind miteinander verknüpft. Qualitätskontrolle begleitet den gesamten Prozess.

In deutschen Ziegeleien arbeiten heute unter anderem Industriekeramikerinnen und Industriekeramiker der Verfahrenstechnik. Die Bundesagentur für Arbeit nennt Ziegeleien ausdrücklich als Beschäftigungsorte dieses dreijährigen anerkannten Ausbildungsberufs.

27. Wärmedämmende Hochlochziegel

Moderne Mauerziegel sind häufig keine massiven Steine mehr. Lochgeometrie, Scherbenstruktur und teilweise Füllstoffe verbessern die Wärmedämmung bei tragfähigem Mauerwerk. Entwicklung und Produktion verbinden Keramik, Bauphysik und automatisierte Fertigung.

Damit hat sich das Produkt weit vom einfachen handgestrichenen Vollziegel entfernt – der Grundprozess Ton aufbereiten, formen, trocknen und brennen bleibt jedoch erkennbar.

28. Energie, Emissionen und Kreislaufwirtschaft

Das Brennen benötigt hohe Temperaturen und damit Energie. Moderne Werke optimieren deshalb Wärmerückgewinnung, Brennertechnik, Trocknung und Prozesssteuerung. Abwärme aus dem Ofen kann für den Trockner genutzt werden.

Auch Rohstoffabbau, Rekultivierung von Tongruben, Transport und Recycling stehen stärker im Fokus. Der heutige Ziegel ist damit nicht nur ein Baustoff, sondern Teil komplexer Energie- und Umweltfragen.

Traditioneller Ziegelbrennofen aus lokalen Materialien 2026
Traditioneller Brennofen aus lokalen Materialien – handwerkliche Ziegelproduktion existiert weltweit bis heute.

29. Handgefertigte Ziegel gibt es weiterhin

Trotz industrieller Massenproduktion ist die Handformung nicht verschwunden. Für Denkmalpflege, Restaurierung und spezielle Architektur werden Ziegel mit historischen Formaten, Oberflächen und Farbspielen benötigt. Kleine Manufakturen können solche Steine bewusst mit traditioneller Anmutung fertigen.

Auch weltweit existieren weiterhin handwerkliche Produktionsweisen, bei denen lokale Tonvorkommen, Formen und einfache Öfen verwendet werden.

Heutige manuelle Herstellung von Ziegeln in einer Form
Manuelle Ziegelformung heute: Das historische Grundprinzip des Handstrichs ist weiterhin nachvollziehbar.

30. Restaurierung historischer Backsteinbauten

Bei historischen Gebäuden genügt es nicht, irgendeinen modernen Stein einzusetzen. Format, Farbe, Porosität, Wasseraufnahme, Druckfestigkeit und Oberflächenstruktur müssen zum Bestand passen. Ein zu harter oder zu dichter Ersatz kann zusammen mit ungeeignetem Mörtel Schäden verstärken.

Deshalb ist die Kenntnis historischer Ziegeltechniken für Denkmalpflege und Restaurierung bis heute wichtig. Werkzeugspuren, Formate und Brennfarben können außerdem Hinweise auf Bauphasen und Produktionsorte liefern.

31. Der klassische Arbeitsprozess des Zieglerhandwerks

  1. Tonlager auswählen: Plastizität, Fremdstoffe und Brennverhalten beurteilen.
  2. Ton gewinnen: Material mit Spaten, Hacke oder später Maschinen abbauen.
  3. Lagern und aufschließen: Ton gegebenenfalls wintern und zerkleinern.
  4. Mischen: Wasser und gegebenenfalls Magerungsmittel einarbeiten.
  5. Form vorbereiten: Formkasten reinigen und mit Trennmittel versehen.
  6. Formen: Ton einwerfen, verdichten und Überstand abstreichen.
  7. Entformen: Grünling vorsichtig auf Trockenfläche absetzen.
  8. Trocknen: Feuchtigkeit langsam und gleichmäßig entziehen.
  9. Ofen setzen: Ziegel mit definierten Luftwegen stapeln.
  10. Brennen: Temperatur und Luftzufuhr kontrollieren.
  11. Abkühlen: Spannungsrisse durch zu rasches Abkühlen vermeiden.
  12. Sortieren: nach Maß, Form, Klang, Brenngrad und Qualität klassifizieren.

32. Werkzeuge und Einrichtungen

Werkzeug / Einrichtung Funktion
Spaten und Hacke Gewinnung und Umsetzen des Tons.
Formkasten Herstellung gleichförmiger Grünlinge.
Abstreicher Entfernen überschüssigen Tons an der Form.
Schubkarre / Ziegelkarre Transport von Rohlingen und fertigen Steinen.
Trockenschuppen Geschützte, luftige Trocknung.
Feldofen / Kammerofen Diskontinuierliches Brennen.
Ringofen Kontinuierlicher Brand seit dem 19. Jahrhundert.
Strangpresse Maschinelle kontinuierliche Formgebung.
Tunnelofen Moderne kontinuierliche industrielle Brenntechnik.

33. Zeitleiste des Zieglerhandwerks

Zeit / Jahr Entwicklung
7.–4. Jahrtausend v. Chr. In Mesopotamien werden in dauerhaften Siedlungen in großem Umfang luftgetrocknete Lehmziegel eingesetzt.
4.–3. Jahrtausend v. Chr. Geformte Ziegel werden zunehmend standardisiert; gebrannte Ziegel kommen für besonders beanspruchte Bauteile zum Einsatz.
ca. 2112–2095 v. Chr. Beschriftete Ziegel aus der Zeit Ur-Nammas dokumentieren monumentales Bauen in Mesopotamien.
Römische Kaiserzeit Gebrannte Mauer-, Dach- und Spezialziegel werden in vielen Teilen des Reiches systematisch hergestellt.
um 1150 Fortgeschrittene Backsteintechnik gelangt aus Oberitalien nach Norddeutschland.
1148 Beginn der Klosterkirche Jerichow, eines frühen Schlüsselbaus der norddeutschen Backsteintradition.
1160/70 Baubeginn des Ratzeburger Doms in Backsteintechnik.
ab ca. 1180 Großformatige Klostersteine verbreiten sich.
13.–15. Jh. Backsteingotik prägt zahlreiche Städte des Ostsee- und Nordseeraums.
1568 Jost Amman zeigt den Ziegler als eigenen Handwerkerstand.
17.–18. Jh. Dauerhafte Ziegeleien und regional geregelte Formate gewinnen an Bedeutung.
um 1820 In England und Nordamerika entstehen frühe Ziegelmaschinenfabriken.
ab ca. 1850 Industrialisierung verwandelt viele handwerkliche Ziegelhütten in mechanisierte Werke.
1854 Carl Schlickeysen entwickelt eine wegweisende Schrauben-/Schneckenpresse für plastische Massen.
17.04.1858 Hoffmann und Licht erhalten das österreichische Privileg für ihren kontinuierlichen Ringofen.
27.05.1858 Preußisches Patent für den Hoffmann-Lichtschen Ringofen.
1859 Erster Ringofen in Scholwin bei Stettin.
12.01.1865 Gründung eines Vereins zur Förderung von Ziegel-, Kalk- und Zementtechnik, besonders der Ringofentechnik.
um 1870 Ringofen, Dampfmaschine und Formmaschinen schaffen die Grundlage großindustrieller Ziegelproduktion.
20.02.1897 Gründung des Verbands deutscher Tonindustrieller.
20. Jh. Tunnelöfen, künstliche Trocknung und automatisierte Formgebung setzen sich in Großbetrieben durch.
spätes 20. Jh. Elektronische Regelung, Robotik und Qualitätsmesstechnik automatisieren den Prozess weiter.
2026 Industriekeramiker/-innen Verfahrenstechnik arbeiten weiterhin ausdrücklich auch in Ziegeleien; der historische Ziegler ist als eigenständige Berufsbezeichnung weitgehend in industriellen Berufsbildern aufgegangen.

34. Warum der Ziegler ins Zunftlexikon gehört

Ziegel wirken alltäglich, doch ohne die Erfahrung ihrer Hersteller wären viele historische Städte undenkbar. Der Ziegler verband Rohstoffwissen, Handarbeit, Feuertechnik und Serienfertigung lange bevor moderne Fabriken entstanden. Seine Geschichte zeigt exemplarisch, wie aus einem saisonalen Handwerk durch Maschinenbau und Thermotechnik eine hoch automatisierte Industrie wurde.

35. Quellen und weiterführende Literatur

Bildquellen und Einordnung

Diese Seite verwendet genau zehn Wissensbilder, die über Shopify ausgeliefert werden. Historische Darstellungen und moderne Dokumentationsaufnahmen stammen aus frei nutzbaren beziehungsweise auf Wikimedia Commons dokumentierten Quellen. Lizenz- und Urheberangaben sind auf den jeweiligen Ursprungsdateiseiten hinterlegt. Der Holzschnitt von 1568 ist gemeinfrei.

Quellenkritischer Hinweis: Ziegelproduktion war regional sehr unterschiedlich organisiert. Der Begriff „Zunft“ wird deshalb nicht pauschal auf jede Feldziegelei oder jeden grundherrlichen Betrieb übertragen. Ebenso wird der historische Ziegler nicht mit einem heute eigenständigen deutschen Ausbildungsberuf gleichgesetzt.

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Über Recherche und Gestaltung

M. Achberger

Für das Zunftlexikon recherchiere ich historische Quellen, Museumsbestände, Handwerksordnungen und Bildquellen. Ich ordne die Entwicklung der Berufe ein und verbinde dieses Wissen mit meiner künstlerischen Arbeit im Atelier Achberger. Wo sich Regeln und Bezeichnungen regional oder zeitlich unterscheiden, kennzeichne ich das so genau wie möglich.

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