Historisches Handwerk
Das Zimmermannshandwerk gehört zu den ältesten tragenden Bauhandwerken Europas. Zimmerleute errichteten Dachstühle, Fachwerkhäuser, Hallen, Brücken, Türme, Gerüste und andere Holzkonstruktionen – lange bevor Stahlbeton und industriell gefertigte Bauteile das Bauwesen veränderten. Das Besondere am Beruf ist die Verbindung von Materialgefühl und Geometrie: Ein Balken ist ein gewachsener Werkstoff mit Faserrichtung, Ästen, Feuchte und Verformung, muss aber trotzdem millimetergenau in ein räumliches Tragwerk passen.
Die traditionelle Bezeichnung Zimmermann ist bis heute geläufig; die staatlich anerkannte Berufsbezeichnung lautet in Deutschland Zimmerer bzw. Zimmerin. Seit dem 1. August 2026 gilt eine neu gefasste Ausbildungsverordnung für die Ausbauberufe. Die Ausbildung dauert weiterhin drei Jahre. Moderne Zimmerer arbeiten mit Handwerkzeugen, Motorsägen, Abbundanlagen, CAD-Daten und digitaler Vermessung – und restaurieren zugleich jahrhundertealte Fachwerke und Dachstühle.
1. Zimmermann und Tischler sind nicht dasselbe
Historisch und heute werden beide Berufe gelegentlich verwechselt. Der Zimmerer arbeitet vor allem am konstruktiven Holzbau: Dachtragwerke, Wände, Decken, Fachwerk, Hallen, Treppen- und Brückenkonstruktionen sowie Montage auf Baustellen. Der Tischler beziehungsweise Schreiner konzentriert sich stärker auf Möbel, Türen, Fenster, Innenausbau und feinere Werkstattarbeiten.
Beide kennen Holzverbindungen und Werkzeuge, doch Dimension, Tragfunktion und Arbeitsumgebung unterscheiden sich. Ein Zimmerer denkt das Holz als Teil eines Bauwerks und muss Kräfte, Anschlüsse und räumliche Geometrie berücksichtigen.
2. Vorgeschichte: Bauen mit Holz vor dem Berufsstand
Holz war schon in vorgeschichtlicher Zeit ein zentraler Baustoff. Pfostenhäuser, Bohlen, Palisaden und Dachtragwerke verlangten Kenntnisse darüber, wie Stämme gefällt, gespalten, verbunden und vor Feuchtigkeit geschützt werden konnten. Archäologische Funde belegen anspruchsvolle Holzverbindungen lange bevor schriftliche Berufsbezeichnungen existierten.
Der Zimmermann als städtisch oder zünftig organisierter Fachhandwerker entstand erst viel später. Die technischen Grundlagen – Holz auswählen, behauen, bohren und verbinden – reichen jedoch Jahrtausende zurück.
3. Antike Holzbaukunst
Griechische und römische Bauten nutzten umfangreiche Dach- und Gerüstkonstruktionen aus Holz. Auch Brücken, Belagerungsmaschinen, Hafenanlagen und temporäre Bauwerke benötigten spezialisierte Holzhandwerker. Römische Zimmerleute verwendeten Äxte, Dechsel, Sägen, Bohrer, Stechwerkzeuge und Messgeräte, deren Grundfunktionen modernen Werkzeugen erstaunlich ähnlich sind.
Da Holz vergänglich ist, haben sich weniger vollständige Bauwerke erhalten als Steinbauten. Werkzeugfunde, Schriftquellen und Abdrücke liefern dennoch ein klares Bild hoher handwerklicher Kompetenz.
4. Frühmittelalter: Holz als alltäglicher Baustoff
Im frühen Mittelalter war Holz in großen Teilen Europas das wichtigste Konstruktionsmaterial für Wohn- und Wirtschaftsgebäude. Zimmerleute arbeiteten häufig im Zusammenhang mit Höfen, Klöstern, Burgen und später wachsenden Städten. Massive Balken mussten mit einfachen Transportmitteln bewegt und auf der Baustelle angepasst werden.
Mit wachsender Spezialisierung trennten sich Tätigkeitsfelder stärker: Zimmerleute wurden zu Fachleuten für tragende Holzkonstruktionen, während andere Holzhandwerke eigene Berufsidentitäten entwickelten.

5. Mittelalterlicher Zimmermann: Arbeit mit Axt und Breitbeil
Bevor Sägewerke gleichmäßig rechteckige Balken lieferten, wurden Stämme häufig von Hand behauen. Nach dem Anreißen entfernte der Zimmermann seitliches Holz mit Axt und Breitbeil. Dabei musste er möglichst viel tragfähigen Querschnitt erhalten und zugleich gerade Bezugsflächen herstellen.
Spuren dieser Arbeit sind an historischen Balken noch heute sichtbar. Für Bauforscher können Hiebspuren Hinweise auf Bearbeitungstechniken und Bauphasen liefern.
6. Der Abbund – das Herz der traditionellen Zimmerei
Abbund bezeichnet das Anreißen und Bearbeiten der einzelnen Hölzer eines Tragwerks vor der Montage. Ein Dachstuhl wurde nicht einfach oben auf dem Gebäude „zurechtgesägt“. Die Hölzer wurden auf dem Abbundplatz ausgelegt, vermessen, mit Zeichen versehen und ihre Verbindungen vorbereitet.
Fehler im Abbund konnten sich beim Aufrichten drastisch auswirken. Daher gehörten geometrisches Verständnis, sorgfältiges Messen und eine klare Kennzeichnung der Bauteile zu den Kernkompetenzen.
7. Aufschnüren und Schiftung
Komplizierte Dachformen verlangten räumliche Geometrie. Beim traditionellen Aufschnüren wurden Linien und Achsen in natürlicher Größe auf dem Abbundboden oder -platz konstruiert. Besonders anspruchsvoll war die Schiftung, also die geometrische Ermittlung schräg verlaufender Hölzer und ihrer Anschlüsse.
Diese Kenntnisse waren ein wesentlicher Teil meisterlicher Berufserfahrung. Heute übernehmen CAD-Programme viele Berechnungen, doch Zimmerer müssen die räumliche Logik weiterhin verstehen, um Planungs- und Fertigungsfehler erkennen zu können.
8. Holzverbindungen ohne moderne Metallverbinder
Historische Tragwerke wurden überwiegend mit konstruktiven Holzverbindungen zusammengefügt. Zapfen und Zapfenloch, Blattungen, Versätze, Überblattungen und verschiedene Schäftungen leiteten Kräfte von einem Bauteil zum nächsten. Holznägel sicherten viele Verbindungen.
Eine gute Verbindung musste dicht sitzen, durfte den Querschnitt aber nicht unnötig schwächen. Die Form hing von Belastung, Holzart, Einbausituation und regionaler Tradition ab.

9. Holznägel und Versatz
Holznägel wurden häufig aus trockenem, zähem Holz hergestellt und durch vorgebohrte Löcher getrieben. Bei bestimmten Techniken konnten die Bohrungen leicht gegeneinander versetzt sein, sodass der Nagel die Verbindung beim Einschlagen zusammenzog.
Solche Details zeigen, dass traditionelle Zimmerei keineswegs „grobe“ Holzarbeit war. Sie verband schwere Bauteile mit hoher Präzision.
10. Fachwerk: Tragwerk, nicht Dekoration
Beim Fachwerk bildet ein Gerüst aus Schwellen, Ständern, Rähmen, Riegeln und Streben das tragende System. Die Gefache dazwischen wurden je nach Region und Zeit mit Lehmgeflecht, Ziegeln oder anderen Materialien geschlossen. Die sichtbaren Balken sind daher nicht bloße Fassadenornamente.
Fachwerk ermöglichte materialeffizientes Bauen und prägte zahlreiche europäische Städte und Dörfer. Regionale Konstruktionsweisen, Schmuckformen und Holzarten unterscheiden sich deutlich.

11. Dachstuhl und Lastabtragung
Der Dachstuhl muss Eigengewicht, Dachdeckung, Schnee- und Windlasten sicher in Wände und Fundamente ableiten. Historische Konstruktionen reichen von einfachen Sparrendächern bis zu komplexen Pfetten-, Kehlbalken- und Hängewerken.
Zimmerer mussten verstehen, welche Hölzer auf Zug, Druck oder Biegung beansprucht werden und wo Aussteifung nötig war – auch lange bevor moderne Statik als Wissenschaft formuliert wurde.
12. Brücken, Türme, Mühlen und Gerüste
Das historische Arbeitsfeld war breiter als der Hausbau. Zimmerleute errichteten Holzbrücken, Glockenstühle, Wehrgänge, Mühlen, Kräne, Gerüste und temporäre Hilfskonstruktionen. Besonders große Kirchendächer und Turmhelme verlangten meisterhafte Planung.
Jost Ammans Berufsbild von 1568 nennt sinngemäß eine ganze Bandbreite solcher Bauaufgaben und macht sichtbar, wie universell der Zimmermann als Konstrukteur eingesetzt wurde.
13. Zunft, Bauhütte und städtische Ordnung
Zimmerleute waren regional unterschiedlich organisiert. In Städten konnten sie eigenen Zünften angehören oder gemeinsam mit verwandten Bauhandwerken organisiert sein. Auf großen kirchlichen Baustellen arbeiteten sie zugleich im Umfeld von Bauhütten und Werkmeistern.
Zunft und Bauhütte sind dabei nicht identisch: Zünfte regelten vor allem Gewerbezugang, Ausbildung und Markt in einer Stadt; Bauhütten organisierten konkrete Großbaustellen.
14. Lehrling, Geselle und Meister
Die Ausbildung erfolgte lange praktisch im Betrieb. Lehrlinge lernten zunächst Werkzeugpflege, Materialtransport, einfache Säge- und Stemmarbeiten sowie das sichere Arbeiten mit Axt und Beil. Später kamen Anreißen, Verbindungen, Abbund und Aufrichten hinzu.
Die Gesellenzeit vertiefte Erfahrung auf verschiedenen Baustellen. Zur Meisterschaft gehörten je nach Ort und Epoche unterschiedliche Anforderungen; eine einzige europaweit gültige mittelalterliche Zimmererprüfung gab es nicht.
15. Wanderschaft und Wissensaustausch
Die Wanderschaft von Handwerksgesellen wurde besonders in der frühen Neuzeit zu einer wichtigen Form beruflicher Mobilität. Zimmerergesellen konnten auf diese Weise andere Dachformen, Fachwerktraditionen und Arbeitsorganisationen kennenlernen. Die heute bekannte zünftige „Walz“ bewahrt Teile dieser Kultur, ist aber nicht unverändert aus einem einzigen mittelalterlichen System hervorgegangen.
Berufliche Mobilität half, technische Lösungen über Regionen hinweg zu verbreiten.

16. 1568: Der Zimmermann bei Jost Amman
Jost Ammans Ständebuch von 1568 zeigt Zimmerleute bei der Bearbeitung großer Hölzer. Zu erkennen sind körperlich schwere Arbeit, Mess- und Schlagwerkzeuge und der Zusammenhang mit großdimensionierten Konstruktionen.
Das Bild ist eine kunstvolle Berufsdarstellung, keine fotografische Baustellendokumentation. Trotzdem gehört es zu den wichtigsten Quellen für die frühneuzeitliche Wahrnehmung des Handwerks.

17. Nürnberger Hausbücher: konkrete Zimmerleute des 16. Jahrhunderts
Die Hausbücher der Nürnberger Zwölfbrüderstiftungen machen einzelne Handwerker namentlich sichtbar. 1578 wird etwa Hans Knauermann als Zimmermann dargestellt, 1593 Eberhart Laiming. Solche Quellen zeigen den Beruf nicht abstrakt, sondern als Lebensrealität konkreter Menschen.
Schon 1468 findet sich mit Engelhart eine noch frühere Zimmermannsdarstellung in diesen Beständen.

18. Zimmererzeichen und Abbundzeichen
Auf historischen Hölzern finden sich eingeritzte, eingeschlagene oder geschnittene Zeichen. Viele sind Abbundzeichen, mit denen zueinandergehörige Bauteile gekennzeichnet wurden. Andere können Montage-, Reihen- oder Handwerkerkennzeichnungen sein.
Wie bei Steinmetzzeichen wäre es falsch, jedes Zeichen automatisch als persönliche Geheim- oder Meistersignatur zu deuten. Seine Funktion muss aus dem konkreten Bauzusammenhang erschlossen werden.
19. Das Richtfest
Wenn der Rohbau beziehungsweise Dachstuhl eine wesentliche Bauphase erreicht, wird traditionell Richtfest gefeiert. Richtkranz oder Richtbaum und ein Richtspruch würdigen die Arbeit am Bau. Regionale Formen unterscheiden sich erheblich.
Der Brauch verbindet Handwerk, Bauherrschaft und Gemeinschaft. Für Zimmerleute ist er bis heute eines der sichtbarsten kulturellen Elemente des Berufs.
20. Werkzeuge des historischen Zimmermanns
| Werkzeug | Aufgabe |
|---|---|
| Zimmermannsaxt / Breitbeil | Behauen von Stämmen und Herstellen ebener Balkenflächen. |
| Dechsel | Abtragen und Glätten quer oder schräg zur Faserrichtung. |
| Rahmensäge / Schrotsäge | Trennen großer Holzquerschnitte. |
| Stemmeisen | Ausarbeiten von Zapfenlöchern und Anschlüssen. |
| Holzbohrer | Bohren für Holznägel und Verbindungselemente. |
| Klöpfel | Schlagwerkzeug für Stemmeisen. |
| Winkel und Richtscheit | Prüfen von Winkeln und Geraden. |
| Reißzeug / Schnur | Anreißen von Achsen, Schnitten und Verbindungen. |
| Zirkel | Geometrische Konstruktion und Übertragen von Maßen. |
21. Holz auswählen: Eiche, Nadelholz und gewachsene Struktur
Die Wahl des Holzes hängt von Konstruktion, Region, Verfügbarkeit und gewünschter Dauerhaftigkeit ab. Eiche ist im historischen Fachwerk häufig, während Fichte, Tanne und Kiefer bei Dachtragwerken und modernem Holzbau große Bedeutung besitzen.
Zimmerer beurteilen Faserverlauf, Äste, Risse, Feuchte und Querschnitt. Ein Balken ist kein beliebig homogener Werkstoff: Seine natürliche Struktur beeinflusst Tragfähigkeit und Verformung.
22. Vom Wald zur Baustelle
Historisch waren Holzeinschlag und Transport aufwendig. Stämme wurden mit Zugtieren, Schlitten und Wagen bewegt; Flüsse ermöglichten Flößerei über lange Strecken. Der Holzpreis konnte einen großen Anteil der Baukosten ausmachen.
Mit leistungsfähigeren Sägewerken und Eisenbahntransport im 19. Jahrhundert wurde standardisiertes Bauholz leichter verfügbar.
23. Industrialisierung des Sägewerks
Wasserkraft betrieb Sägemühlen bereits vor der industriellen Revolution. Dampf- und später Elektromotoren erhöhten die Leistung, Bandsägen und Kreissägen beschleunigten Zuschnitt und Serienproduktion. Immer häufiger kamen Balken bereits gesägt statt vollständig handbehauen auf den Abbundplatz.
Das verringerte schwere Vorarbeit, verlagerte das Können aber auf Planung, Verbindung und Montage.
24. Eisenverbinder verändern die Konstruktion
Mit industriell verfügbaren Nägeln, Schrauben, Bolzen und Stahlbeschlägen erweiterten sich die Möglichkeiten. Traditionelle Holzverbindungen verschwanden nicht, wurden aber ergänzt. Moderne Bauordnungen und statische Nachweise führten zu standardisierten Verbindungsmitteln.
Heute kombinieren Zimmerer Holz-Holz-Verbindungen mit Winkeln, Blechen, Schrauben, eingeklebten Stäben oder spezialisierten Systemverbindern.

25. Elektrische und motorisierte Werkzeuge
Handkreissägen, Kettensägen, Bohrmaschinen, Hobel und Fräsen beschleunigten die Bearbeitung im 20. Jahrhundert. Große Konstruktionshölzer können heute mit leistungsfähigen Maschinen präzise zugeschnitten werden.
Gleichzeitig bleibt der sichere Umgang entscheidend. Zimmerer arbeiten mit schweren Bauteilen, scharfen Werkzeugen und häufig in großer Höhe; Arbeitsschutz ist deshalb Kernbestandteil moderner Ausbildung.
26. CAD und CNC-Abbund
Moderne Dachstühle und Holztragwerke werden oft digital geplant. Aus CAD- oder BIM-Daten entstehen Maschinendaten für CNC-Abbundanlagen. Diese können sägen, bohren, fräsen und komplexe Anschlüsse mit hoher Wiederholgenauigkeit herstellen.
Das Handwerk verschwindet dadurch nicht. Aufmaß, Holzbeurteilung, Montage, Nacharbeit, Problemlösung und Verantwortung für das reale Bauwerk bleiben Aufgaben qualifizierter Zimmerer.
27. Holzrahmenbau und Vorfertigung
Im modernen Holzrahmenbau werden Wände und Decken häufig weitgehend in Werkhallen vorgefertigt. Dämmung, Beplankungen, Installationszonen und Fenster können bereits integriert sein. Auf der Baustelle werden die Elemente mit Kränen montiert.
Vorfertigung verkürzt Bauzeiten und schützt Bauteile vor Witterung. Sie verlangt aber besonders präzise Planung, weil nachträgliche Korrekturen schwieriger werden.

28. Ingenieurholzbau: Brettschichtholz und große Spannweiten
Brettschichtholz, Brettsperrholz und andere Holzwerkstoffe ermöglichen Hallen, Schulen, mehrgeschossige Gebäude und weit gespannte Tragwerke. Zimmerer arbeiten dabei eng mit Tragwerksplanung, Architektur und Holzbautechnik zusammen.
Der Beruf hat sich damit von der klassischen Dachzimmerei zu einem zentralen Gewerk des modernen Holzbaus erweitert.

29. Restaurierung historischer Holzkonstruktionen
Bei einem denkmalgeschützten Fachwerk oder Dachstuhl soll nicht möglichst viel erneuert werden. Ziel ist häufig, tragfähige Originalsubstanz zu erhalten. Schäden durch Feuchtigkeit, Insekten, Pilze oder Überlastung müssen zunächst verstanden werden.
Schadhafte Bereiche können mit traditionellen Holzverbindungen ergänzt werden. Neue Hölzer müssen konstruktiv und bauphysikalisch zum Bestand passen.

30. Holzschutz: Konstruktion vor Chemie
Historisch wie heute ist konstruktiver Holzschutz grundlegend: Wasser soll schnell ablaufen, Holz muss trocknen können und direkte Feuchtebelastung vermieden werden. Dachüberstände, Sockeldetails und belüftete Konstruktionen sind deshalb wichtig.
Moderne Holzschutzmittel können in bestimmten Fällen ergänzen, ersetzen aber keine fachgerechte Planung gegen dauerhafte Feuchte.
31. Ausbildung zum Zimmerer und zur Zimmerin im Jahr 2026
Die Ausbildung dauert drei Jahre. Am 1. August 2026 trat die neue Ausbauberufeausbildungsverordnung in Kraft. Sie regelt den Ausbildungsrahmen für Zimmerer und Zimmerinnen neu und umfasst unter anderem Planung und Organisation, Herstellen und Montieren von Holzkonstruktionen, Ausbauarbeiten, digitale Arbeitsmittel, Qualitätssicherung, Nachhaltigkeit und Sicherheit.
Damit ist die Berufsordnung ausdrücklich auf einen modernen Bau- und Ausbildungsalltag zugeschnitten, ohne die handwerklichen Grundlagen aufzugeben.
32. Meister, Energieberatung und Restaurierung
Nach der Gesellenprüfung sind mehrere Weiterbildungswege möglich. Der Zimmerermeister beziehungsweise die Zimmerermeisterin – heute auch mit dem Fortbildungsniveau Bachelor Professional verbunden – kann Betriebe führen und ausbilden. Zusätzliche Qualifikationen bestehen etwa in Gebäudeenergieberatung und Restaurierung.
Der Restaurator im Zimmerer-Handwerk / Master Professional für Restaurierung im Handwerk verbindet handwerkliche Meisterqualifikation mit vertieftem Wissen zur Erhaltung historischer Konstruktionen.
33. Was heute noch genauso wichtig ist wie vor Jahrhunderten
Werkzeuge und Bauprodukte haben sich stark verändert, doch vier Grundkompetenzen bleiben erstaunlich konstant: Holz lesen, räumlich denken, exakt anreißen und sicher montieren. Wer einen schiefen Bestand, einen verzogenen Balken oder eine komplizierte Dachgeometrie vor sich hat, braucht mehr als eine Maschine.
Gerade diese Verbindung von digitaler Planung und praktischem Materialverständnis macht den modernen Zimmerer zu einem besonders anschaulichen Beispiel für die Weiterentwicklung eines alten Handwerks.
34. Klassischer Arbeitsablauf – vom Aufmaß zum Richtfest
- Aufmaß: Geometrie und Anschlussbedingungen erfassen.
- Planung: Tragwerk, Holzquerschnitte und Details festlegen.
- Holzauswahl: Qualität, Feuchte und Eignung beurteilen.
- Anreißen / digitale Daten: Bearbeitungspunkte festlegen.
- Abbund: Sägen, bohren, stemmen und fräsen.
- Kennzeichnen: Bauteile eindeutig zuordnen.
- Vormontage: komplizierte Baugruppen gegebenenfalls probeweise fügen.
- Transport: Bauteile sicher zur Baustelle bringen.
- Aufrichten: Konstruktion heben, ausrichten und sichern.
- Verbinden: Holz- und Metallverbindungen endgültig herstellen.
- Aussteifen und kontrollieren: Lot, Maße und Tragwirkung prüfen.
- Richtfest: traditioneller Abschluss einer wichtigen Rohbauphase.
35. Zeitleiste des Zimmermannshandwerks
| Zeit / Jahr | Entwicklung |
|---|---|
| Vorgeschichte | Pfosten-, Bohlen- und Dachkonstruktionen belegen anspruchsvolle Holzbautechniken lange vor dem Berufsstand. |
| Antike | Griechische und römische Bauhandwerker errichten Dachwerke, Gerüste, Brücken und andere Holzkonstruktionen. |
| Frühmittelalter | Holz bleibt für Wohn-, Wirtschafts- und Befestigungsbauten ein zentraler Baustoff. |
| Hochmittelalter | Städtewachstum und große Kirchenbauten fördern die Spezialisierung von Bauhandwerkern. |
| 13.–15. Jh. | Komplexe Fachwerk- und Dachkonstruktionen werden in vielen Regionen Europas entwickelt und verfeinert. |
| 1468 | Das Nürnberger Mendelsche Hausbuch zeigt den Zimmermann Engelhart. |
| 1524 | Weitere namentliche Zimmermannsdarstellungen sind in den Nürnberger Hausbüchern greifbar. |
| 1568 | Jost Amman stellt „Der Zimmermann“ als eigenständigen Handwerkerstand dar. |
| 1578 | Hans Knauermann wird im Nürnberger Hausbuch als Zimmermann dargestellt. |
| 1593 | Eberhart Laiming erscheint als Zimmermann im Nürnberger Hausbuch. |
| 16.–18. Jh. | Fachwerk-, Dach-, Mühlen-, Brücken- und Gerüstbau bleiben zentrale Tätigkeitsfelder. |
| 18.–19. Jh. | Mechanisierte Sägewerke erhöhen die Verfügbarkeit gesägter Bauhölzer. |
| 19. Jh. | Eisenbahn und industrielle Metallverbinder verändern Materialversorgung und Verbindungstechnik. |
| spätes 19. / frühes 20. Jh. | Ingenieurmäßige Berechnung von Holztragwerken gewinnt an Bedeutung. |
| 20. Jh. | Elektrowerkzeuge, Kettensägen, Kräne und vorgefertigte Holzbauteile verändern den Baustellenalltag. |
| zweite Hälfte 20. Jh. | Brettschichtholz und moderne Holzwerkstoffe ermöglichen größere Spannweiten. |
| spätes 20. Jh. | CAD-Planung und CNC-Abbundanlagen verbreiten sich. |
| 21. Jh. | Holzrahmenbau, elementierte Vorfertigung, Massivholzsysteme und BIM gewinnen stark an Bedeutung. |
| 03.06.2024 | Die neue Ausbauberufeausbildungsverordnung wird erlassen. |
| 01.08.2026 | Die neue Ausbildungsordnung für Zimmerer und Zimmerinnen tritt in Kraft. |
| Heute | Zimmerer verbinden traditionelle Holzverbindungen, Restaurierung, digitale Planung, CNC und modernen energieeffizienten Holzbau. |
36. Quellen und weiterführende Literatur
- Das Handwerk: Berufsprofil Zimmerer/-in
- Bundesministerium der Justiz: Ausbauberufeausbildungsverordnung, in Kraft seit 01.08.2026
- Ausbildungsrahmenplan Zimmerer/Zimmerin – Anlage 1
- Nürnberger Hausbücher: historische Berufsdarstellungen von Zimmerleuten
- Bundesagentur für Arbeit / BERUFENET: Zimmererberufe und Restaurierungsweiterbildungen
- Wikimedia Commons: Dokumentation von Fachwerk und Holzrahmenbau
Bildquellen und Lizenzen
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