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54 · Glasmacher · Kunsttischler · Keramiker · Nancy

Émile Gallé

Émile Gallé machte Botanik, Literatur und Naturbeobachtung zu Werkzeugen des Kunsthandwerks. In seinen Werkstätten wurden Glas, Keramik und Möbel nicht bloß dekoriert: Materialschichten, Säuren, Schleifräder, Einlagen und Holzmaserungen wurden selbst zu Trägern von Pflanzen, Landschaften und symbolischen Motiven.

Geboren
4. Mai 1846 · Nancy
Gestorben
23. September 1904 · Nancy
Handwerk
Glasmacher, Kunsttischler, Keramiker
Berühmt für
Mehrschichtglas, Pflanzenmotive, Intarsienmöbel und École de Nancy
Historisches Porträt von Émile Gallé
Émile Gallé. Historische Porträtaufnahme, Wikimedia Commons.

Gallés Werk ist ein Lehrbuch dafür, wie Kunsthandwerk aus Materialwissen entsteht. Eine Libelle im Glas ist bei ihm nicht einfach aufgemalt. Sie kann aus mehreren Glasschichten, Ätzungen, Einschlüssen, Radgravur und aufgeschmolzenen Applikationen entstehen. Ein Pflanzenmotiv im Möbel wird nicht nur gezeichnet, sondern aus verschiedenfarbigen Hölzern als Marqueterie aufgebaut.

Kindheit zwischen Kristall, Porzellan & Botanik

Émile Gallé wurde am 4. Mai 1846 in Nancy als einziger Sohn von Charles Gallé und Fanny Reinemer geboren. Seine Eltern führten ein Geschäft für Kristall und Porzellan. Der Vater leitete seit den 1850er Jahren auch eine Werkstatt für die Dekoration von Keramik und Glas. Émile wuchs daher in einem Umfeld auf, in dem Entwurf, Handel und handwerkliche Veredelung zusammengehörten.

Seine Ausbildung war ungewöhnlich breit. Er beschäftigte sich mit Literatur, Sprachen und Naturwissenschaften und absolvierte Ausbildungs- beziehungsweise Studienaufenthalte in mehreren europäischen Städten, darunter Weimar und Meisenthal. Botanik wurde zu einem dauerhaften Interesse. Gallé betrachtete Blüten, Stängel, Pilze, Insekten und Meeresformen nicht als ornamentalen Vorrat, sondern als genau zu beobachtende Naturformen.

1867 trat er in das väterliche Geschäft für Fayence- und Glasdekoration ein und vertrat die Firma auf der Pariser Weltausstellung. Damit lernte er früh, dass Gestaltung nicht nur in der Werkstatt, sondern auch auf internationalen Ausstellungen beurteilt und vermarktet wurde.

Wie Gallé Glas und Holz bearbeitete

Gallés Glasarbeiten nutzen zahlreiche Techniken: farbiges und rauchiges Glas, Überfangschichten, Emailmalerei, Vergoldung, Radgravur, Säureätzung, heiße Applikationen, Einschlüsse und teilweise reliefartige Bearbeitung. Bei mehrschichtigem Glas konnten verschiedenfarbige Lagen übereinander liegen. Durch Schleifen oder Ätzen wurde die obere Schicht teilweise entfernt, sodass tieferliegende Farben als Motiv sichtbar wurden.

Das Musée d’Orsay dokumentiert etwa bei Eaux dormantes um 1889/90 geblasenes mehrschichtiges Kristall, mattierte und bearbeitete Oberflächen, eingeschlossene Metallpartikel und Glasfragmente, heiße Cabochon-Applikationen sowie gravierte und geschnittene Dekoration. Die Technik erzeugt nicht nur ein Bild eines Teiches, sondern eine optisch tiefe, scheinbar atmosphärische Oberfläche.

1877 übernahm Gallé das Familienunternehmen. 1885 erweiterte er es um Kunsttischlerei. Bei den Möbeln setzte er verschiedenfarbige Hölzer als Marqueterie ein, ließ Maserung und Astbilder bewusst mitwirken und verband Pflanzenformen mit geschwungenen konstruktiven Linien. Das Musée d’Orsay dokumentiert Möbel aus Nussbaum mit Einlagen aus unterschiedlichen Hölzern.

Die Werkstatt war eine Manufaktur mit spezialisierten Handwerkern. Gallé entwarf, experimentierte und setzte die künstlerische Richtung, während Glasbläser, Schleifer, Graveure, Emailleure, Tischler und weitere Fachkräfte an der tatsächlichen Fertigung beteiligt waren.

Jugendstil aus Nancy

Gallé wurde auf internationalen Ausstellungen zu einem der bekanntesten französischen Kunsthandwerker seiner Zeit. Naturmotive und japanische Kunst beeinflussten ihn stark. Gleichzeitig bezog er Literatur in seine Werke ein und gravierte Verse oder Texte in Glas und Möbel.

1901 wurde die École de Nancy – offiziell Alliance provinciale des industries d’art – gegründet. Gallé wurde ihr erster Präsident. Ziel war, Kunst, Handwerk und Industrie in Lothringen enger zusammenzuführen. Gerade darin lag ein Kern des Jugendstils: Ein Alltags- oder Gebrauchsgegenstand sollte nicht erst durch nachträglichen Zierrat Kunst werden; Form, Material und Herstellung sollten eine gestalterische Einheit bilden.

Seine letzte Lebensphase war weiterhin technisch experimentell. Das Musée d’Orsay bezeichnet La Main aux algues et aux coquillages von 1904 als wahrscheinlich letztes handwerklich gefertigtes Glaswerk des Meisters und hebt die komplexe heiße Formung, farbigen Applikationen und Radgravur hervor.

Gallé starb 1904 in Nancy. Seine Frau Henriette führte das Unternehmen weiter. Die späteren Établissements Gallé produzierten noch Jahrzehnte, doch die unter seiner persönlichen Leitung entstandenen Arbeiten verbinden naturwissenschaftliche Beobachtung, Symbolismus und Werkstatttechnik besonders deutlich.

Persönlicher Lebenslauf

  • Geburt am 4. Mai in Nancy als einziger Sohn von Charles Gallé und Fanny Reinemer.
  • Breite Bildung und Ausbildungsaufenthalte in europäischen Zentren; wachsendes botanisches Interesse.
  • Militärdienst im Deutsch-Französischen Krieg; spätere Naturbeobachtungen fließen in sein Werk ein.
  • Heirat mit Henriette Grimm. Das Paar hat vier Töchter.
  • Engagement neben der Werkstatt auch für gesellschaftliche und kulturelle Fragen.
  • Tod am 23. September in Nancy; Henriette Gallé übernimmt danach die Leitung des Unternehmens.

Beruflicher Lebenslauf

  • Eintritt in das väterliche Handels- und Dekorationsunternehmen für Glas und Fayence.
  • Vertretung der Firma auf der Pariser Weltausstellung.
  • Goldmedaille auf der Ausstellung in Lyon für Porzellan und Kristall.
  • Übernahme des Familienunternehmens.
  • Erweiterung der Produktion um Kunsttischlerei.
  • Hochkomplexe mehrschichtige Glasarbeiten wie Eaux dormantes.
  • Erster Präsident der École de Nancy.
  • Letzte große experimentelle Glaswerke kurz vor seinem Tod.

Glas, Natur & Marqueterie

Quellen & Weiterführendes