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47 · Tischlermeister · Möbelbauer · Boppard & Wien

Michael Thonet

Michael Thonet begann als Tischler in Boppard und veränderte schließlich die Art, wie Möbel konstruiert, gefertigt, zerlegt, transportiert und verkauft wurden. Sein Bugholzverfahren machte aus einer handwerklichen Werkstatt ein industrielles System, ohne dass Holzkenntnis, Formenbau und handwerkliche Erfahrung unwichtig wurden.

Geboren
2. Juli 1796 · Boppard am Rhein
Gestorben
3. März 1871 · Wien
Handwerk
Tischlermeister, Möbelbauer, Fabrikant
Berühmt für
Bugholzmöbel, Serienfertigung und Stuhl Nr. 14
Porträt des Tischlermeisters Michael Thonet um 1855
Michael Thonet um 1855. Historisches Porträt, gemeinfrei.

Thonet ist für die Geschichte des Handwerks besonders spannend, weil er die traditionelle Tischlerei nicht einfach durch Maschinen ersetzte. Er zerlegte den Möbelbau in einzelne präzise Arbeitsschritte, entwickelte eigene Formen und Maschinen und nutzte die Eigenschaften von Buche so konsequent, dass ein Stuhl zu einem international transportierbaren Serienprodukt werden konnte.

Kindheit, Familie & Bopparder Tischlerei

Michael Thonet wurde am 2. Juli 1796 in Boppard geboren. Sein Vater Franz Anton Thonet stammte aus Andernach und war Gerber und Tischler. Michael wuchs damit in einer Umgebung auf, in der Holz, Leder, Werkzeuge und handwerkliche Selbstständigkeit zum Familienalltag gehörten.

1819 übernahm er die Tischlerei des Vaters. Ein Jahr später heiratete er Anna Maria Grahs, die Tochter eines Metzgers. Aus der Ehe gingen in Boppard dreizehn Kinder hervor. Die Familie und später besonders fünf Söhne wurden ein wesentlicher Bestandteil des Unternehmens. Thonet ist deshalb nicht nur die Geschichte eines Einzelmeisters, sondern einer über Generationen organisierten Handwerkerfamilie.

Die Bopparder Werkstatt wuchs. 1837 beteiligte sich Thonet am Erwerb der Michelsmühle und betrieb dort zeitweise eine Leimsiederei. Das passt unmittelbar zu seinen Experimenten: Für seine frühen gebogenen Möbel arbeitete er mit Furnierstreifen, die in Leim gekocht, geschichtet und in Formen gebracht wurden.

Wie Thonet Holz zum Biegen brachte

Ein klassischer Tischler erzeugt eine geschwungene Form häufig durch Aussägen aus stärkerem Holz, Schnitzen, Fügen oder durch den Aufbau aus mehreren Teilen. Thonet suchte nach einem anderen Weg: Die Form sollte möglichst aus langen gebogenen Holzelementen entstehen. In Boppard experimentierte er zunächst mit dünnen Furnierlagen, die verleimt und in Formen gepresst wurden.

1840 versuchte er, das Verfahren patentieren zu lassen, blieb damit aber erfolglos. Seine Möbel erregten dennoch Aufmerksamkeit. Auf einer Gewerbeausstellung in Koblenz 1841 beeindruckten sie Fürst Metternich. Dieser ermutigte Thonet, nach Wien zu gehen. Die wirtschaftliche Lage der Bopparder Werkstatt war trotz handwerklicher Anerkennung angespannt; 1842 nahm Thonet den Schritt nach Wien tatsächlich auf sich.

Dort arbeitete die Familie zunächst in bestehenden Möbelbetrieben und als Subunternehmer, unter anderem an der Ausstattung des Palais Liechtenstein. Thonet konnte seine Biegetechnik weiterentwickeln und zugleich Erfahrungen mit größeren Arbeitsabläufen und Holzbearbeitungsmaschinen sammeln.

Der eigentliche industrielle Durchbruch kam in den 1850er Jahren mit massivem Bugholz. Lange, gerundete Buchenstäbe wurden in Dampföfen erhitzt, dadurch plastischer gemacht und anschließend mit einem Blechband gegen das Aufreißen der äußeren Fasern gesichert. In eisernen Formen wurde das Holz gebogen und fixiert. Nach dem Trocknen blieb die Form weitgehend erhalten. Dieses Verfahren war materialgerecht, sparte Verbindungen und eignete sich für wiederholbare Serien.

Vom Einzelmöbel zum industriellen System

1849 eröffnete Thonet in Gumpendorf bei Wien wieder eine eigene Werkstatt. Aus den dort entwickelten Modellen entstand Schritt für Schritt ein System von nummerierten Möbeltypen. 1853 wurde die Firma Gebrüder Thonet gegründet und auf fünf Söhne übertragen, während Michael die Gesamtleitung behielt.

Ein Blick in die Werkstatt zeigt, dass Industrialisierung keineswegs bedeutete, dass alle Arbeit von Automaten erledigt wurde. Das Museum Boppard nennt für die Werkstatt von 1853 insgesamt 42 Beschäftigte: darunter Tischler, Drechsler, Furnierschneider, Leimer, Raspler, Beizer, Polierer und Arbeiter für die Verschraubung. Eine kleine Dampfmaschine trieb Bandsägen und Drehbänke. Die Werkstatt war eine Mischform aus Handwerksbetrieb und Fabrik.

1857 wurde im mährischen Koryčany eine neue Fabrik fertiggestellt. Buchenholz war in der Umgebung reichlich vorhanden. Thonet und seine Söhne planten die Fabrik und entwickelten einen Teil der benötigten Maschinen selbst. Die Produktion rückte damit noch stärker in Richtung Arbeitsteilung, Standardisierung und große Stückzahlen.

Zum Symbol wurde der später als Nr. 14 bekannte Kaffeehausstuhl. Wenige gebogene Teile, Schraubverbindungen und ein geflochtener Sitz ermöglichten eine leichte, stabile und relativ preiswerte Konstruktion. Die Stühle konnten zerlegt transportiert werden. Das Museum Boppard beschreibt Versandkisten, in denen auf einem Kubikmeter Raum 36 zerlegte Stühle Nr. 14 Platz fanden. Möbelbau, Logistik und Vertrieb wurden zu einem Gesamtsystem.

Persönlicher Lebenslauf

  • Geburt am 2. Juli in Boppard als Sohn des Gerbers und Tischlers Franz Anton Thonet.
  • Übernahme der väterlichen Tischlerei.
  • Heirat mit Anna Maria Grahs. In Boppard werden dreizehn Kinder geboren.
  • Übersiedlung nach Wien; die Familie folgt im selben Jahr.
  • Übertragung des Unternehmens auf fünf Söhne; Michael behält die Gesamtleitung.
  • Die Familie baut Fabriken und internationale Vertriebswege auf; die nächste Generation übernimmt immer mehr Verantwortung.
  • Tod am 3. März in Wien. Söhne und Enkel führen das Unternehmen weiter.

Beruflicher Lebenslauf

  • Eigene beziehungsweise übernommene Tischlerwerkstatt in Boppard.
  • Experimente mit schichtverleimtem und gebogenem Holz.
  • Betrieb einer Leimsiederei in der Michelsmühle.
  • Präsentation auf einer Gewerbeausstellung in Koblenz; Kontakt zu Fürst Metternich.
  • Neuanfang in Wien und österreichisches Privileg für ein Holzbiegeverfahren.
  • Eigene Werkstatt in Gumpendorf; Entwicklung serienfähiger Stuhlmodelle.
  • Teilnahme an der Londoner Weltausstellung.
  • Gründung von Gebrüder Thonet.
  • Erfolgreiches Verfahren zum Biegen massiver Buchenstäbe mit Dampf und Biegeformen.
  • Produktionsaufnahme in der neuen Fabrik in Koryčany.

Vom Bopparder Sessel zum Konsumstuhl

Thonets Ausgangsberuf gehört zur Geschichte des Tischler- und Schreinerhandwerks.

Quellen & Weiterführendes

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