Historisches Handwerk
Zünfte nach Städten · Konstanz
Zünfte und Handwerk in Konstanz
Konstanz war eine Handels-, Bischofs- und Reichsstadt, in der Zünfte seit 1342 als politische Organisationen anerkannt wurden. 1370/71 erreichten Vertreter von 19 Zünften eine paritätische Beteiligung an Großem und Kleinem Rat – ein Verfassungsmodell, das trotz schwerer Konflikte erstaunlich lange nachwirkte.
Leinwandhandel, Bodenseeverkehr, Italienhandel und das Konzil von 1414 bis 1418 machten die Stadt zu einem europäischen Knotenpunkt. Gleichzeitig zeigen die Zunftkämpfe, die Neuordnung von 1430, die Reformation und der Übergang an Österreich 1548, wie eng Beruf, Bürgerrecht, Religion und Stadtpolitik miteinander verflochten waren.

Bischofsstadt, Markt und Reich
Konstanz wächst am Schnittpunkt von See, Rhein und Alpenwegen
Die politische Stärke der Konstanzer Zünfte lässt sich nur verstehen, wenn man die außergewöhnliche Handelslage der Stadt mitdenkt.
Konstanz lag dort, wo der Rhein den Bodensee verlässt und wichtige Verkehrswege in Richtung Alpen, Norditalien, Schwaben und Oberrhein zusammentrafen. Neben der Rolle als Bischofssitz entwickelte sich eine wirtschaftlich selbstbewusste Bürgerstadt. Seit dem 13. Jahrhundert ist der städtische Rat kontinuierlich greifbar; Kaufleute, Fernhändler und Handwerker gewannen zugleich immer stärkeres Gewicht.
Im 14. Jahrhundert erreichte die Stadt eine wirtschaftliche Hochphase. Besonders bedeutend waren Leinwand und andere Textilien, daneben Pelze, Gewürze, Lederwaren, Metallprodukte und der Verkehr über See und Rhein. Die Stadt war nicht nur Absatzort, sondern Umschlagplatz, Produktionszentrum und politischer Treffpunkt.
Die Zunftstadt ist bis heute sichtbar
Zunfthäuser machen die korporative Stadt bis heute greifbar
Ein besonders anschaulicher Überrest ist das heutige Rosgartenmuseum. Das Haus „Zum Rosgarten“ wird bereits 1324 als Zunfthaus erwähnt. Dort waren Metzger, Krämer, Apotheker, Hafner und Seiler organisiert. 1454 wurde es mit dem benachbarten Haus „Zum Schwarzen Widder“ verbunden.
Zunfthäuser waren weit mehr als Vereinslokale. Sie konnten Versammlungsraum, Archiv, Festort und politischer Treffpunkt sein. In einer Stadt, in der Zunftvertreter feste Ratspositionen erhielten, waren solche Gebäude sichtbare Orte städtischer Macht.
Überliefert sind außerdem Korporationen und Zunfthäuser von Schneider- und Kürschnergewerben, Schmieden, Rebleuten, Zimmerleuten, Wollwebern, Webern, Fischern, Bäckern, Schuhmachern und Gerbern. Die Berufsorganisation war damit regelrecht in den Stadtraum eingeschrieben.



Erster politischer Durchbruch
1342 werden die Zünfte als politische Organisationen anerkannt
Seit dem frühen 14. Jahrhundert schlossen sich Kaufleute, Händler und Handwerker stärker nach Gewerben zusammen. 1342 kam es zur ersten großen Konfrontation zwischen den patrizischen „Geschlechtern“ und den Zünften. Die Zünftigen verlangten nicht nur berufliche Selbstorganisation, sondern Beteiligung an den Ratssitzen und die Anerkennung ihrer Korporationen als politische Organisationen.
Der Konflikt endete mit einem entscheidenden Zugeständnis: Der politische Status der Zünfte wurde anerkannt, und jeder Zunft wurde ein Zunftmeister vorgesetzt. Damit entstand die institutionelle Grundlage für den nächsten Schritt – die paritätische Ratsverfassung.
Die Stadtverfassung wird neu austariert
1370/71: Geschlechter und Gemeinde teilen sich die Ratsmacht
Um 1370/71 erzwangen die Zünfte eine grundlegende Verfassungsänderung. Sowohl der Kleine als auch der Große Rat sollten künftig jeweils zur Hälfte aus Angehörigen der patrizischen „Geschlechter“ und zur Hälfte aus der „Gemeinde“ bestehen. Diese Gemeinde wurde durch Vertreter der damals 19 Zünfte repräsentiert.
Das ist der Kern der Konstanzer Zunftverfassung. Anders als in Ulm, wo Zunftvertreter zeitweise eine deutliche Ratsmehrheit erreichten, oder in Nürnberg, wo politische Zünfte unterdrückt wurden, entstand in Konstanz ein bewusst paritätisch angelegtes Modell. Patriziat und organisierte Bürgerschaft mussten sich die Regierung teilen.
Die Ordnung beseitigte soziale Konflikte nicht. Über die folgenden Jahrzehnte wurde immer wieder darum gestritten, wer welcher Zunft oder Gesellschaft angehören durfte, wer ratsfähig war und wie stark die Zunftmeister als eigener politischer Körper auftreten konnten. Trotzdem wurde die Parität zum langlebigen Verfassungsprinzip.



Das wirtschaftliche Rückgrat
Konstanzer Leinwand verbindet Werkstatt, Messe und Fernhandel
Der Aufstieg der Zünfte fiel in die Blütezeit des Konstanzer Leinwandgewerbes. Herstellung und Vertrieb von Leinwand verbanden Flachsaufbereitung, Spinnen, Weben, Bleichen, Färben, Zuschneiden, Verpacken, Transport und Handel.
Zwischen 1388 und 1391 ließ Baumeister Heinrich Arnold am Hafen ein großes Kaufhaus errichten. Die Stadt beschreibt es ausdrücklich als Gebäude für den Italienhandel und die Konstanzer Leinwandmesse. Waren konnten dort gelagert, kontrolliert, gehandelt und für den Weitertransport vorbereitet werden.
Damit entstand eine direkte Verbindung zwischen handwerklicher Produktion und internationalem Markt. Der wirtschaftliche Erfolg verlieh auch den produzierenden und verarbeitenden Gewerben gesellschaftliches Gewicht – und damit politischen Druck.
1414–1418
Das Konzil macht Konstanz für vier Jahre zum europäischen Treffpunkt
Von 1414 bis 1418 tagte das Konstanzer Konzil. Kirchliche und weltliche Entscheidungsträger aus vielen Teilen Europas kamen in die Stadt. 1417 wurde im Hafen-Kaufhaus Martin V. gewählt – die einzige Papstwahl auf deutschem Boden.
Für die städtische Wirtschaft bedeutete ein solches Großereignis eine enorme Verdichtung von Nachfrage. Unterkünfte, Lebensmittel, Kleidung, Schreibmaterial, Transport, Bau- und Reparaturleistungen sowie Luxuswaren wurden in außergewöhnlichem Umfang benötigt. Davon profitierten nicht nur große Händler, sondern auch zahlreiche handwerkliche und dienstleistende Gewerbe.
Gleichzeitig blieb das Konzil politisch und religiös ambivalent. Jan Hus wurde trotz zugesicherten Geleits verurteilt und 1415 verbrannt; 1416 folgte Hieronymus von Prag. Die Stadt war damit Schauplatz sowohl kirchenpolitischer Neuordnung als auch schwerer religiöser Repression.
Zunftkonflikt und antisemitische Gewalt
1429/30 eskaliert der Kampf um die Stadtregierung
Nach Jahrzehnten wiederkehrender Spannungen eskalierte der Konflikt zwischen Zünften und Geschlechtern 1429 erneut. Besonders Gerber, Leinweber und weitere Zünftige traten bewaffnet auf; zeitweise wurde der bestehende Rat verdrängt.
Dieser Konflikt darf nicht als romantischer „Freiheitskampf der Handwerker“ erzählt werden. Er war eng mit einer schweren antisemitischen Verfolgungswelle am Bodensee verbunden. In Konstanz wurden jüdische Einwohner auf Grundlage falscher Ritualmordbeschuldigungen festgesetzt. Nach ihrer Freilassung nahmen aufständische Zünftige sie erneut gefangen; in benachbarten Städten kam es zu Hinrichtungen jüdischer Menschen.
König Sigismund griff ein und ordnete die Verfassung 1430 neu. Die patrizischen Geschlechter wurden wieder zugelassen, führende Aufständische verloren die Ratsfähigkeit, und wegen ihres Vorgehens gegen die jüdische Bevölkerung wurden die Zünfte der Gerber und Leinweber aufgelöst. Die Zunftorganisation wurde gestrafft und die politische Selbständigkeit des Zunftmeistergremiums eingeschränkt.
Das grundlegende Prinzip der Ratsparität blieb jedoch erhalten: Geschlechter und Zünftige sollten den Rat weiterhin je zur Hälfte besetzen.
Zwischen Reich und Habsburg
1510 verändert Maximilian die Stadtverfassung zugunsten der Zünfte
Am Ausgang des Mittelalters geriet Konstanz außenpolitisch unter Druck. Versuche einer engeren Annäherung an die Eidgenossenschaft scheiterten; 1498 trat die Stadt dem Schwäbischen Bund bei. 1510 wurde ihr ein Schirmvertrag mit dem Haus Österreich auferlegt.
Im selben Jahr nahm Kaiser Maximilian I. eine wesentliche Veränderung der städtischen Verfassung zugunsten der Zünfte vor. Die politische Rolle der Zünfte war also auch mehr als anderthalb Jahrhunderte nach 1342 weiterhin aktuell.
Reformation und Ratskirche
1527/28 übernimmt der Rat weitreichende Kontrolle über das Kirchenwesen
Seit 1519, verstärkt seit 1523, gewann die Reformation in Konstanz an Boden. Der Rat förderte die Bewegung und errichtete 1527/28 ein weitreichendes städtisches Kirchenregiment. Der Bischof verließ 1527 die Stadt und verlegte seine Residenz nach Meersburg; 1528 wurde die Reichsacht über Konstanz verhängt.
Weil zünftige Vertreter einen festen Anteil an der Stadtregierung hatten, wirkten sie über den Rat auch an Entscheidungen zu Religion, Schule, Armenwesen, Kirchenvermögen und öffentlicher Ordnung mit.



Ende der Reichsfreiheit
1548 wird aus der Reichsstadt eine österreichische Landstadt
Nach dem Zusammenbruch des Schmalkaldischen Bundes konnte Konstanz seine politische Stellung nicht halten. Am 15. Oktober 1548 ergab sich die Stadt König Ferdinand. Die Reichsfreiheit endete, Konstanz wurde Teil der habsburgischen Vorlande und wieder katholisch geprägt.
Für die Zunftgeschichte ist eine Nuance entscheidend: Die alte kommunale Verfassung wurde nicht sofort vollständig abgeschafft. Der Historische Atlas von Baden-Württemberg betont, dass die Verfassung der reichsstädtischen Zeit weitgehend belassen wurde. Neu war vor allem der österreichische Stadthauptmann als Vertreter der Innsbrucker Regierung.
Dreißigjähriger Krieg
1633 scheitert die schwedische Belagerung
Im Dreißigjährigen Krieg erreichten schwedische Truppen den Bodensee und griffen Konstanz 1633 auch von Westen und Süden an. Die Belagerung blieb erfolglos; am 2. Oktober 1633 zogen die Schweden nach schweren Kämpfen ab.
Die Merian-Darstellung im Kopf dieser Seite hält genau diesen militärischen Zustand fest. Sie zeigt eine Stadt, deren mittelalterliche Befestigungen mit frühneuzeitlicher Artillerie konfrontiert waren. Nach der Belagerung wurden die Verteidigungsanlagen weiter ausgebaut.
Vom alten Rat zum modernen Gewerberecht
1786 bricht Joseph II. mit der mittelalterlichen Verfassungstradition
Der radikale Bruch mit der über Jahrhunderte bewahrten Stadtverfassung erfolgte erst 1786. Kaiser Joseph II. setzte einen nur mit Juristen besetzten Magistrat ein. Damit verloren die älteren korporativen und ständischen Mechanismen der Ratsbildung ihre bisherige Grundlage.
1805/06 kam Konstanz infolge der napoleonischen Neuordnung an Baden. 1862 führte Baden die Gewerbefreiheit ein; auch in Konstanz verlor damit die alte verpflichtende Zunftordnung endgültig ihre Funktion als dominierende Rechtsform des selbständigen Gewerbes. Zusammen mit Eisenbahn, Hafenmodernisierung und Industrialisierung beschleunigte das den Übergang zur modernen Gewerbe- und Handelsstadt.
Zeitstrahl
Konstanz: Zünfte, Rat und Handel vom Mittelalter bis zur Gewerbefreiheit
Das Zunfthaus „Zum Rosgarten“ wird erstmals erwähnt.
Zünfte werden als politische Organisationen anerkannt und erhalten Zunftmeister.
Kleiner und Großer Rat werden paritätisch aus Geschlechtern und Gemeinde besetzt; die Gemeinde vertritt 19 Zünfte.
Die Stadt gewinnt die Reichsvogtei.
Bau des Hafen-Kaufhauses für Italienhandel und Konstanzer Leinwandmesse.
Konstanzer Konzil; 1417 Papstwahl Martins V. im Kaufhaus.
Zunftaufstand, verbunden mit antisemitischer Verfolgung; König Sigismund ordnet die Verfassung neu.
Ratsparität bleibt bestehen, Zunftorganisation und politische Eigenständigkeit der Zunftmeister werden eingeschränkt.
Eintritt in den Schwäbischen Bund.
Schirmvertrag mit Österreich; Maximilian verändert die Stadtverfassung zugunsten der Zünfte.
Reformation und städtisches Kirchenregiment.
Verlust der Reichsfreiheit und Übergang an Österreich; die kommunale Verfassung bleibt zunächst weitgehend erhalten.
Die schwedische Belagerung scheitert.
Joseph II. setzt einen nur mit Juristen besetzten Magistrat ein.
Übergang an Baden.
Gewerbefreiheit beendet die alte verpflichtende Zunftordnung als dominierendes Rechtsmodell des Gewerbes.
Quellenbasis
Konstanz ist besonders gut erforscht
Politische Zunftgeschichte, Handel und Stadtverfassung lassen sich ungewöhnlich dicht aus Archiven, archäologischer Forschung, Stadtgeschichte und eigener Zunftforschung rekonstruieren.
- Universität Heidelberg, „Die Konstanzer Marktstätte im Mittelalter und in der Neuzeit“: politische Anerkennung 1342 und Verfassungsänderung 1370 mit Vertretern von 19 Zünften.
- Helmut Maurer, Historischer Atlas von Baden-Württemberg – Konstanz: Reichsstadtentwicklung, Bündnispolitik, Verfassungsänderung 1510, Reformation, Übergang an Österreich 1548 und Magistratsreform 1786.
- Friedrich Horsch: Die Konstanzer Zünfte in der Zeit der Zunftbewegung bis 1430, Konstanzer Geschichts- und Rechtsquellen 23, 1979.
- Klaus D. Bechtold: Zunftbürgerschaft und Patriziat, Konstanzer Geschichts- und Rechtsquellen.
- Rosgartenmuseum Konstanz: Geschichte des Hauses „Zum Rosgarten“, 1324 erstmals erwähnt.
- Stadt Konstanz: Kaufhaus 1388–1391, Konzil 1414–1418, Verlust der Reichsfreiheit 1548 und schwedische Belagerung 1633.
- Landesarchiv Baden-Württemberg: Überlieferung zum badischen Gewerberecht und Fabrikordnungen ab 1862.
- Historisches Bild: Matthäus Merian d. Ä., Konstanz während der Belagerung 1633, veröffentlicht 1643; gemeinfrei, 5550 × 3910 Pixel, in Shopify übernommen.
Quellen und weiterführende Recherche
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