Historisches Handwerk
Städteatlas · Reichsstadt Ulm
Zünfte und Handwerk in Ulm – Schwörbrief, Zunftverfassung & Reichsstadt
Ulm gehört zu den eindrucksvollsten Beispielen einer mittelalterlichen Stadt, in der organisierte Handwerker nicht nur ihre Berufe regelten, sondern die politische Ordnung selbst mitbestimmten.
Vom späten 13. Jahrhundert an werden Ulmer Zünfte sicher greifbar. 1345 errangen sie eine Mehrheit im Rat, 1397 wurde ihre Stellung mit dem Großen Schwörbrief nochmals ausgebaut. Mehr als anderthalb Jahrhunderte lang prägten Zunftmeister und zünftige Vollbürger die Reichsstadt – bis Kaiser Karl V. 1548 die politische Zunftordnung beendete.

Vom Königsort zur Reichsstadt
Handwerk wächst mit der Stadt
Ulm entwickelte sich aus einem königlichen Pfalz- und Marktort zu einer wirtschaftlich starken Reichsstadt. Mit Kaufleuten, Märkten und wachsender Produktion nahm auch das Gewicht der Handwerker zu.
Das Ulmer Stadtarchiv nennt die Zünfte seit dem späten 13. Jahrhundert als nachweisbare Institutionen. In den Archivbeständen werden 1292 zehn namentlich genannte Zunftmeister erwähnt. Damit lässt sich organisierte Berufspolitik in Ulm ungewöhnlich früh konkret fassen. Im 14. Jahrhundert wuchs die Stadt wirtschaftlich stark; Handwerker und Händler trugen diesen Aufschwung mit.
Die Ulmer Zünfte waren dabei nicht nur Zusammenschlüsse einzelner Handwerke. In ihnen fanden sich Handwerker ebenso wie wirtschaftlich starke Kaufleute. Das Stadtarchiv nennt für die reichsstädtische Zeit zunächst 17, später 21 Zünfte; einzelne Zünfte gliederten sich wiederum in mehrere Berufsgruppen, sogenannte Rotten.
Der Kleine Schwörbrief
1345: Die Zünfte gewinnen die Mehrheit im Rat
Im 14. Jahrhundert verschärfte sich der Konflikt zwischen patrizischer Führungsschicht und den in Zünften organisierten Handwerkern und Kaufleuten. Diese verlangten einen Anteil an jener politischen Macht, die ihrer wirtschaftlichen Bedeutung entsprach.
Der Kleine Schwörbrief von 1345 markiert den entscheidenden Machtwechsel. Nach Darstellung des Ulmer Stadtarchivs setzten sich die Zünfte gegen die Patrizier durch und erhielten eine Mehrheit im Rat. Gleichzeitig entstand die bis heute erinnerte Schwörtradition: Der Bürgermeister verpflichtete sich jährlich, gegenüber Reichen und Armen gerecht zu handeln.



Der Große Schwörbrief
1397: Zünftige Mehrheit wird zum Verfassungsprinzip
Nach erneuten Auseinandersetzungen wurde am 26. März 1397 der Große Schwörbrief ausgestellt. Er regelte grundgesetzartig die Zusammensetzung der Ratsgremien und verstärkte die bereits 1345 erlangte Stellung der Zünfte.
Großer Rat
30 Zünftige standen nur 10 Patriziern gegenüber. Die zünftige Mehrheit war damit eindeutig.
Kleiner Rat
Hier saßen 17 Zunftvertreter und 14 Patrizier. Auch im engeren Entscheidungsgremium hatten die Zünfte das Übergewicht.
Wahl
Aktiv wahlberechtigt waren die männlichen Vollbürger der damals 17 Zünfte. Sie bestimmten Zunftmeister und weitere Vertreter.
Bürgermeister
Trotz der zünftigen Ratsmehrheit entstammte der Bürgermeister während der Reichsstadtzeit weiterhin dem Patriziat.
Insgesamt verfügten die Zünfte in beiden Gremien zusammen über 47 Sitze gegenüber 24 beziehungsweise 25 patrizischen Sitzen, je nach Zählweise der konkreten Ratsfassung. Entscheidend ist weniger die einzelne Zahl als die klare institutionelle Mehrheit, die das Ulmer Stadtarchiv ausdrücklich hervorhebt.
Die Zunfträte bestimmten nicht nur Berufsfragen. Der reichsstädtische Rat vereinte Funktionen, die heute auf Legislative, Exekutive und Justiz verteilt wären. Er erließ Ordnungen, verwaltete die Stadt, entschied Rechtsfälle und führte Außenpolitik. Wer den Rat mitbestimmte, verfügte damit über einen sehr weitreichenden Anteil an der städtischen Herrschaft.
Beruf und Bürgerrecht
Was eine Ulmer Zunft regelte
Zünfte waren wirtschaftliche, soziale und politische Körperschaften. Sie ordneten den Zugang zu Berufen, regelten Ausbildung und Meisterschaft, überwachten Qualität und Marktverhalten und vertraten ihre Mitglieder gegenüber Rat und anderen Gruppen.
In einer wirtschaftlich aktiven Reichsstadt wie Ulm waren solche Regeln besonders bedeutsam. Meisterrechte bestimmten, wer selbständig produzieren und verkaufen durfte. Lehrlinge und Gesellen standen in hierarchischen Ausbildungs- und Arbeitsverhältnissen. Zugleich boten Zünfte soziale Sicherung, religiöse Gemeinschaft, gemeinsame Rituale und politische Identität.



Die politische Stärke der Ulmer Zünfte bedeutete allerdings nicht automatisch Gleichheit innerhalb des Handwerks. Meister hatten andere Rechte als Gesellen oder Lehrlinge. Auch das Bürgerrecht bildete eine scharfe Grenze: Das Stadtarchiv schätzt, dass nur ungefähr 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung tatsächlich an der politischen Mitbestimmung beteiligt waren.
Wirtschaftsstadt an der Donau
Handwerk, Handel und das große Selbstbewusstsein Ulms
Der wirtschaftliche Aufschwung des 14. Jahrhunderts war im Stadtbild sichtbar. Ulm erweiterte seine Befestigungen, vergrößerte sein Territorium und begann 1377 mit dem Bau des Münsters. Die gewaltige Pfarrkirche wurde nicht von einem Bischof, sondern von der Stadt und ihrer Bürgerschaft getragen – ein starkes Symbol reichsstädtischen Selbstbewusstseins.
Handwerker und Händler waren in dieser Wirtschaft eng miteinander verbunden. Das Stadtarchiv nennt Weber, Bäcker, Metzger und Schmiede ebenso wie wohlhabende Fern- und Großhandelskaufleute als Mitglieder der zünftischen Ordnung. Gerade deshalb ist Ulm ein gutes Gegenbeispiel zu der vereinfachten Vorstellung, Zünfte seien ausschließlich kleine handwerkliche Berufsverbände gewesen.



Kaiserlicher Eingriff
1548: Das Ende der zünftischen Vorherrschaft
Ulm wurde 1530 evangelisch und geriet im Zeitalter der Reformation in Konflikt mit Kaiser Karl V. Nach dem Schmalkaldischen Krieg musste sich die Reichsstadt dem Kaiser unterwerfen. 1548 hob Karl V. die alte zünftische Verfassung auf und verbot die Zünfte als politisch selbständige Korporationen.
An die Stelle der bisherigen Ordnung trat ein verkleinertes und patrizisch dominiertes Ratsgremium. Damit endete die seit 1345 und besonders seit 1397 bestehende politische Vorherrschaft der Zünfte.
1558 wurde die Schwörtradition in veränderter Form wieder zugelassen. Auch das Zunftverbot wurde aufgehoben, doch die Machtverteilung war nun umgekehrt: Der neue Rat war mehrheitlich patrizisch geprägt, das aktive Wahlrecht lag beim Patriziat. Die Zünfte bestanden also wirtschaftlich weiter, ohne ihre frühere Stellung als tragende politische Verfassungsinstitution zurückzugewinnen.
Vom Reich zur Moderne
1802–1862: Ende der Reichsstadt und Ende der alten Zünfte
1802 verlor Ulm seine Reichsunmittelbarkeit und kam zunächst zu Bayern. Der letzte Schwörmontag in der alten reichsstädtischen Form fand am 9. August 1802 statt. Bürgermeister und Rat waren danach keine souveränen Regierungsorgane mehr, sondern Teil einer landesherrlichen Verwaltung.
1810 fiel Ulm an Württemberg. Die Donau wurde zur Grenze gegenüber Bayern; wirtschaftlich traf die Trennung vom bisherigen Hinterland die Stadt empfindlich. Erst neue Zollverbindungen und später Eisenbahn und Festungsbau brachten im 19. Jahrhundert wieder stärkere Wachstumsimpulse.
Die alten Zünfte bestanden als wirtschaftliche Organisationsformen noch lange weiter. Nach der wirtschaftsgeschichtlichen Darstellung des Ulmer Stadtarchivs wurden sie in Ulm schließlich 1862 aufgehoben. Damit endete die institutionelle Kontinuität einer Ordnung, die sich seit dem späten 13. Jahrhundert über mehr als fünf Jahrhunderte verfolgen lässt.
Chronik
Die wichtigsten Daten der Ulmer Zunftgeschichte
Zehn Zunftmeister sind urkundlich genannt; organisierte Zünfte werden greifbar.
Der Kleine Schwörbrief sichert den Zünften die Mehrheit im Rat und begründet die zentrale Schwörtradition.
Grundsteinlegung des Ulmer Münsters – Ausdruck des wirtschaftlichen und politischen Selbstbewusstseins der Reichsstadt.
Der Große Schwörbrief verstärkt die zünftische Mehrheit: 30 Zünftige zu 10 Patriziern im Großen Rat, 17 zu 14 im Kleinen Rat.
Ulm wird evangelische Reichsstadt.
Karl V. hebt die zünftische Verfassung auf und beendet die politische Selbständigkeit der Zünfte.
Neue Verfassungsordnung: Zünfte wieder zugelassen, Rat aber nun patrizisch dominiert.
Ende der Reichsstadt; Ulm kommt zu Bayern. Der alte Schwörtag und die reichsstädtische Verfassung enden.
Ulm wird württembergisch.
Die traditionellen Ulmer Zünfte werden aufgehoben.
Quellen & Forschung
Die wichtigsten Grundlagen dieser Stadtchronik
- Haus der Stadtgeschichte – Stadtarchiv Ulm: „Der Große Schwörbrief von 1397“, Urkundenbeispiele und Schätze der Stadtgeschichte.
- Haus der Stadtgeschichte – Stadtarchiv Ulm: Ausstellung „Schwören und Feiern: Schwörmontag in Ulm“ zur Verfassung von 1345, 1397, 1548 und 1558.
- Stadtarchiv Ulm: „Verfassung – Verwaltung – Gesellschaft“, insbesondere Materialien zur reichsstädtischen Zeit.
- Stadtarchiv Ulm: Gesamtverzeichnis der Archivbestände, Bestand Handwerksamt, Laufzeit 1346–1895 mit Rückverweisen bis 1292.
- Stadtarchiv Ulm: Bereich „Wirtschaft“ zur Entwicklung der 17 beziehungsweise später 21 Zünfte und ihrer Aufhebung 1862.
- Stadt Ulm: Stadtgeschichte und Geschichte des Schwörmontags.
- Bildquelle: Matthäus Merian, Stadtansicht Ulm, 1643, Wikimedia Commons, Public Domain. Weitere Berufsdarstellungen nach Jost Ammans Ständebuch von 1568; sie dienen als allgemeine historische Handwerksikonographie und sind nicht als konkrete Ulmer Werkstätten ausgewiesen.
Quellen und weiterführende Recherche
Die Darstellung wurde redaktionell zusammengefasst. Für Originalbestände, Begriffe und regionale Varianten empfehlen sich insbesondere: