Grundlagen des Zunftwesens
Kurz erklärt: Bönhasen und Störer waren historische Bezeichnungen für Handwerker, die außerhalb der von Zünften vorgesehenen Arbeitsformen tätig waren. Die Begriffe werden heute manchmal vorschnell mit „Schwarzarbeitern“ gleichgesetzt. Das ist anschaulich, historisch aber zu ungenau: Zunftzwang, Bürgerrecht, Meisterrecht und lokale Gewerbeordnungen folgten anderen Rechtsvorstellungen als das heutige Arbeits- und Steuerrecht.
Was war ein Bönhase?
Der Begriff Bönhase ist vor allem aus dem norddeutschen Sprachraum bekannt. Der Duden erklärt ihn historisch als Bezeichnung für einen Pfuscher beziehungsweise einen nicht zünftigen Handwerker. Schon die Wortgeschichte verweist auf die Vorstellung eines Handwerkers, der sich außerhalb der regulären Zunftordnung betätigte.
Für die Zünfte war das ein wirtschaftliches Problem. Wer nicht die vorgeschriebenen Voraussetzungen für eine selbstständige Werkstatt erfüllte, aber dennoch Waren herstellte oder handwerkliche Leistungen anbot, konkurrierte mit den zugelassenen Meistern. Dahinter stand nicht nur ein Streit um Preise, sondern um das Recht, ein Gewerbe überhaupt selbstständig auszuüben.
Was bedeutete „Störer“?
Der Begriff Störer wurde regional anders verwendet. Im historischen Zunftwortschatz konnte damit ein Meister oder Geselle gemeint sein, der nicht in einer regulären Zunftwerkstatt arbeitete, sondern seine Arbeit beispielsweise im Haus eines Kunden ausführte. Solche Arbeitsformen konnten günstiger sein und gegen örtliche Zunftregeln verstoßen.
Das zeigt einen wichtigen Unterschied zum Bönhasen: Ein Störer musste nicht zwingend fachlich unqualifiziert sein. Entscheidend konnte vielmehr sein, wo und unter welchen rechtlichen Bedingungen gearbeitet wurde. Historische Begriffe dürfen deshalb nicht wie moderne, exakt definierte Gewerbekategorien behandelt werden.
Was war der Zunftzwang?
Unter Zunftzwang versteht man vereinfacht die Bindung bestimmter handwerklicher Tätigkeiten an die örtliche Zunftordnung. Wer in einer Stadt ein bestimmtes Gewerbe selbstständig ausüben wollte, musste je nach Zeit und Ort Meisterrecht, Bürgerrecht, Zunftmitgliedschaft oder weitere Voraussetzungen erfüllen. Die Zunft verteidigte damit die wirtschaftliche Stellung ihrer Mitglieder, aber auch ihre Vorstellungen von Ausbildung, Qualität und Marktordnung.
Wie streng dieser Zwang tatsächlich war, ist eine regionale Frage. Privilegien, Hofhandwerker, ländliche Produzenten, obrigkeitliche Sonderrechte und Reformen konnten Ausnahmen schaffen. Das Bild einer vollständig abgeschlossenen Stadtwirtschaft ist deshalb ebenso zu einfach wie die Vorstellung eines freien Marktes im heutigen Sinn.
Warum gingen Zünfte gegen nichtzünftige Arbeit vor?
Zünfte sahen sich als Hüter eines geregelten Gewerbes. Zugelassene Meister mussten häufig Gebühren tragen, Lehrlinge ausbilden, Qualitätsregeln beachten und Verpflichtungen gegenüber Stadt und Zunft erfüllen. Ein Anbieter außerhalb dieser Ordnung konnte deshalb als unfaire Konkurrenz erscheinen.
Aus Sicht der nicht zugelassenen Handwerker sah die Sache naturgemäß anders aus. Zugangshürden konnten teuer sein. Meisterrechte, Bürgerrecht, Gebühren oder beschränkte Meisterzahlen erschwerten manchen Gesellen den Schritt in die Selbstständigkeit. Nichtzünftige Arbeit war daher nicht nur ein Kriminalitätsphänomen, sondern auch eine Folge sozialer und wirtschaftlicher Zugangsschranken.
War ein Bönhase einfach ein „Schwarzarbeiter“?
Als moderne Eselsbrücke ist der Vergleich verständlich, aber er sollte mit Vorsicht verwendet werden. Heutige Schwarzarbeit wird über moderne Steuer-, Sozialversicherungs- und Gewerberegeln definiert. Der Bönhase bewegte sich dagegen in einer Welt von Zunftprivilegien, Bürgerrechten und lokalen Gewerbeordnungen.
Treffender ist daher: Bönhasen und Störer standen außerhalb oder am Rand der jeweils anerkannten zünftischen Arbeitsordnung. Ob ihre Tätigkeit verboten, geduldet oder nur unter bestimmten Bedingungen zulässig war, hing vom lokalen Recht ab.
Warum sind diese Begriffe für die Alltagsgeschichte wichtig?
Begriffe wie Bönhase und Störer zeigen die Zunftgeschichte von unten. Neben Meistern, Zunftladen, Fahnen und feierlichen Ordnungen gab es Menschen, die versuchten, trotz Zugangshürden Arbeit zu finden. Damit öffnen die Begriffe den Blick auf Konkurrenz, Armut, Migration, Kundeninteressen und Konflikte um wirtschaftliche Freiheit.
Sie zeigen außerdem, dass Zunftordnungen keine abstrakten Texte waren. Sie griffen unmittelbar in den Alltag ein: Wer durfte produzieren? Wo durfte gearbeitet werden? Wer durfte Kunden bedienen? Und wer entschied darüber?
Regionale Begriffe statt falscher Vereinheitlichung
Gerade beim historischen Handwerksvokabular ist Vorsicht wichtig. „Bönhase“ ist stark mit dem norddeutschen Raum verbunden, während andere Regionen andere Begriffe kannten. „Stör“ und „auf die Stör gehen“ sind wiederum besonders im süddeutschen, österreichischen und schweizerischen Sprachraum bekannt. Das Zunftlexikon behandelt solche Wörter deshalb als regionale historische Begriffe und nicht als reichsweit identische Rechtsbegriffe.
Weiterlesen im Zunftlexikon
Weitere historische Fachbegriffe stehen im Zunftbegriffe-Glossar. Den größeren Zusammenhang von Zunftordnung, Ausbildung und Meisterrecht erklärt das große Zunftlexikon.