Zunftlexikon · Berufsgeschichte

Zünfte und Handwerk in Flensburg – Handel, Schifffahrt & Gewerbegeschichte

Geschichte, Werkzeuge, Zunftzeichen und Entwicklung eines historischen Handwerks.

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Historisches Handwerk

Holzschiffbau · Bildschnitzerei · Silber und Rum

Zünfte und Handwerk in Flensburg

Flensburgs Handwerksgeschichte ist eng mit der Förde verbunden. Schiffbau und Warenverarbeitung stehen neben anspruchsvoller Bildschnitzerei und Silberarbeit. Erhaltene Kirchenkunst, Kaufmannshöfe und heutige Werkstätten erschließen diese unterschiedlichen Arbeitswelten.

Der Hafen erklärt vieles, aber nicht alles. Hinter den sichtbaren Waren stehen Herkunftsorte, Lieferbeziehungen und Arbeitsbedingungen. Das Stadtprofil verbindet deshalb die Leistung der Werkstätten mit den Wegen der Materialien und der Geschichte ihrer Auftraggeber.

Historische Stadtansicht von Flensburg
Braun und Hogenberg: Flensburg. Gemeinfreie historische Stadtansicht; Wikimedia Commons.
1390–1480Bauphasen von St. Nikolai
1604–1609Renaissanceorgel für St. Nikolai
1874Beginn der Silberwerkstatt Robbe
1878Gründung des Rumhauses Johannsen

St. Nikolai als gemeinschaftliches Bauwerk

Die Nikolaikirche am Südermarkt entstand in zwei großen Bauphasen zwischen 1390 und 1480. Die Europäische Route der Backsteingotik beschreibt sie als dreischiffige Hallenkirche mit mächtigen Rundpfeilern. Ihre Konstruktion zeigt die Möglichkeiten des Backsteins in einem großen städtischen Kirchenraum.

Die lange Bauzeit reichte über das Berufsleben eines einzelnen Meisters hinaus. Materialherstellung, Transport und Verarbeitung mussten immer wieder organisiert werden. Auch Holz für Dachwerke und Bauhilfen gehörte zum Aufwand.

Das Gebäude erschließt somit mehr als einen Baustil. Es ist das Ergebnis vieler aufeinander abgestimmter Arbeiten. Wer die Pfeiler, Gewölbe und Dachkonstruktion betrachtet, erkennt unterschiedliche Aufgaben innerhalb eines gemeinsamen Bauvorhabens.

Europäische Route der Backsteingotik: St. Nikolai

Heinrich Ringeringk gestaltet den Orgelprospekt

Der Orgelprospekt von St. Nikolai ist ein Werk des Flensburger Bildschnitzers Heinrich Ringeringk. Die Kirchengemeinde nennt eine Höhe von 15 und eine Breite von sieben Metern. Schnitzwerk und Empore bilden eine weithin sichtbare Gestaltung des Kirchenraums.

Der Prospekt ist die architektonische und bildnerische Außenseite des Instruments. Seine Herstellung verlangt andere Arbeitsschritte als die Fertigung der klingenden Pfeifen. Der bekannte Name des Bildschnitzers darf deshalb nicht ohne Weiteres auf das gesamte Orgelwerk übertragen werden.

Nikolaikirche: Prospekt von Heinrich Ringeringk

Ein historisches Gehäuse und veränderte Instrumente

Nicolaus Maaß baute die Renaissanceorgel 1604 bis 1609 im Auftrag Christians IV. Arp Schnitger erweiterte sie 1707 bis 1709. Nach späteren Veränderungen entstand 1997 bis 2009 durch Gerald Woehl eine neue Anlage hinter dem restaurierten Prospekt.

Heute verbindet sie ein am Schnitger-Vorbild orientiertes Instrument mit einer symphonischen Orgel. Historischer Schmuck und heutiges Orgelwerk stammen folglich nicht vollständig aus derselben Zeit. Die Unterscheidung erklärt die fortgesetzte Nutzung und die Entscheidungen der Restaurierung.

Nikolaikirche: Entwicklung und Neugestaltung der Orgel

Verarbeitung in der Stadt und Ausbeutung in der Karibik

Seit 1755 fuhren Flensburger Schiffe nach St. Croix und brachten unter anderem Zucker und Rum zurück. Das Schifffahrtsmuseum verbindet die erhaltenen Kontorhäuser und Kaufmannshöfe mit diesem Westindienhandel. In den Höfen wurden die eingeführten Waren weiterverarbeitet und veredelt.

Die Rohstoffe stammten aus einer kolonialen Wirtschaft, die auf der Versklavung verschleppter Afrikaner beruhte. Der Wohlstand der Fördestadt lässt sich deshalb nicht von den gewaltsamen Bedingungen auf den Plantagen trennen.

Für die Handwerksgeschichte ergeben sich zwei verbundene Ebenen: örtliche Verarbeitung und überseeische Herstellung beziehungsweise Rohstoffgewinnung. Ein Produktname aus Flensburg bedeutet nicht, dass sämtliche Arbeitsschritte dort stattfanden. Die Rum-Zucker-Meile macht diese Zusammenhänge an konkreten Orten im Stadtbild nachvollziehbar.

Schifffahrtsmuseum Flensburg: Rum-Zucker-Meile

Johannsen: ein Betrieb mit überlieferter Adresse

Andreas Heinrich Johannsen eröffnete sein Rumhaus am 1. Mai 1878 in der Großen Straße 4. Die eigene Unternehmensgeschichte nennt diese erste Adresse und den späteren Standortwechsel. Damit wird aus der allgemeinen Geschichte der Rumstadt ein konkret verortbarer Betrieb.

Ein Rumhaus verband Beschaffung, Verarbeitung, Lagerung und Verkauf. Diese Aufgaben unterscheiden sich von der ursprünglichen Gewinnung sämtlicher Rohstoffe. Der Bezug zur Hafenwirtschaft bleibt wichtig, auch wenn ein einzelnes Unternehmen zu einer späteren Phase der Stadtgeschichte gehört.

Die Adresse erlaubt eine weitere Frage an das Stadtbild: Welche Räume wurden für Waren, welche für Kunden und welche für Verwaltung gebraucht? Häuser und Höfe können solche Abläufe ergänzen, sofern ihre jeweilige Nutzung durch Quellen belegt ist.

A. H. Johannsen: Geschichte des Familienunternehmens

1874: eine Werkstatt für Tischgeräte

Nicolaus Christoph Robbe gründete 1874 in Flensburg eine Silberwerkstatt. Mit dem späteren Partner und Schwiegersohn Robert Berking entwickelte sich daraus die bekannte Manufaktur. Die handwerkliche Fertigung von Bestecken und Tischgeräten bildet ihren besonderen Schwerpunkt.

Silberarbeit verlangt sowohl Formgefühl als auch Materialkenntnis. Ein Löffel oder eine Kanne muss sich gebrauchen lassen; zugleich bestimmen Proportionen und Oberfläche die Wirkung. Auch bei wiederkehrenden Formen bleibt die sorgfältige Bearbeitung entscheidend.

Das Beispiel erweitert Flensburgs Profil über die Seefahrt hinaus. Die Stadt war nicht nur Umschlagplatz, sondern auch Herstellungsort anspruchsvoller Gebrauchsgegenstände. Der Vergleich mit älterer Goldschmiedearbeit zeigt einen verwandten Materialbereich, ohne die Betriebsorganisation verschiedener Jahrhunderte gleichzusetzen.

Homo Faber: Robbe & Berking und seine Anfänge · Robbe & Berking: Silberfertigung in Flensburg

Die Museumswerft bewahrt Verfahren durch Gebrauch

Auf der Museumswerft bauen Bootsbauer nach historischen Plänen an Segelschiffen und Arbeitsbooten. Reparatur und Wartung gehören ebenfalls zu ihrer Arbeit. Die Werft beschreibt damit eine lebendige Fortführung von Kenntnissen des Holzbootsbaus.

Ein Boot verlangt das Zusammenwirken von Rumpfform, Verbindungen und Ausrüstung. Ein gut gearbeitetes Einzelbrett genügt nicht; es muss im gesamten Verband seine Aufgabe erfüllen. Die Anforderungen ergeben sich aus Bewegung, Wasser und wechselnder Belastung.

Heutiger Nachbau ist dennoch von einem erhaltenen historischen Schiff zu unterscheiden. Er erschließt Verfahren und praktische Erfahrungen, während ein Original zusätzlich Spuren früherer Nutzung trägt. Die Museumswerft macht diese materielle Seite der maritimen Geschichte zugänglich.

Museumswerft Flensburg: traditioneller Holzbootsbau

Förde, Kirchenraum und Museum verbinden

An der Förde führen Schifffahrtsmuseum und Museumswerft zu Handel und Herstellung. St. Nikolai erschließt Bauhandwerk, Bildschnitzerei und Orgelbau. Der Museumsberg ergänzt die regionale Kunst- und Kulturgeschichte mit bewahrter Ausstattung und Alltagsgegenständen.

Diese Orte erzählen keine einheitliche Geschichte eines einzigen Leitgewerbes. Sie zeigen verschiedene Beziehungen zwischen Werkstatt, Auftraggeber und Absatz. Besonders aufschlussreich ist der Wechsel der Materialien: Holz im Schiff und im Kirchenraum, Metall am Instrument und auf der Tafel, eingeführte Waren in den Kaufmannshöfen.

So entsteht ein Stadtprofil, das technische Leistung und gesellschaftlichen Zusammenhang gemeinsam betrachtet. Die Spuren werden genauer, wenn man nach Datum, Herkunft und tatsächlicher Nutzung jedes einzelnen Gegenstandes fragt.

Städtische Museen Flensburg: Sammlungsprofile

Zeitleiste: Handwerksgeschichte in Flensburg

1390–1480

Große Bauphasen von St. Nikolai.

1604–1609

Orgelbau durch Nicolaus Maaß.

1707–1709

Umbau durch Arp Schnitger.

1755

Beginn der Flensburger Fahrten nach St. Croix.

1874

Gründung der Silberwerkstatt Robbe.

1878

Eröffnung des Rumhauses Johannsen.

Quellen, Bilder und weiterführende Spuren

Kirchengemeinde und Backsteingotik-Route dokumentieren Bau und Ausstattung. Schifffahrtsmuseum und Museumswerft erschließen maritime Geschichte; Herstellerchroniken ergänzen konkrete Betriebe. Die koloniale Herkunft eingeführter Waren bleibt Teil der Darstellung.

Die Quellen stehen jeweils beim zugehörigen Kapitel. Die historische Stadtansicht zeigt Flensburg. Die mit Jost Amman bezeichneten Berufsbilder stammen aus dem Ständebuch von 1568 und erläutern Tätigkeiten vergleichend; weitere Abbildungen sind jeweils gesondert beschriftet.

REGIONALE EINORDNUNG

Zunftzeichen und Zunftwappen dieser Region einordnen

Lokale Zünfte konnten eigene Namen, Regeln, Zeichen und Bildtraditionen besitzen. Deshalb werden regionale Belege nicht automatisch als allgemeingültiges Zunftwappen eines Berufs behandelt.

Allgemeine Berufs- und Handwerkszeichen findest du zusätzlich im Berufswappen-Lexikon A–Z.

Quellenregel: Ein lokales historisches Zunftwappen, ein Zunftzeichen, ein allgemeines Berufszeichen und eine moderne Orientierungsdarstellung sind nicht automatisch dasselbe.

AUTOR · RECHERCHE · EINORDNUNG

Über Recherche und Gestaltung

M. Achberger

Für das Zunftlexikon recherchiere ich historische Quellen, Museumsbestände, Handwerksordnungen und Bildquellen. Ich ordne die Entwicklung der Berufe ein und verbinde dieses Wissen mit meiner künstlerischen Arbeit im Atelier Achberger. Wo sich Regeln und Bezeichnungen regional oder zeitlich unterscheiden, kennzeichne ich das so genau wie möglich.

Historische Recherche · Quellenkritik · Bild- und Handwerksgeschichte

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