Zunftlexikon · Berufsgeschichte

Zünfte und Handwerk in Mainz – Zünfte, Gutenberg & Handwerksgeschichte

Geschichte, Werkzeuge, Zunftzeichen und Entwicklung eines historischen Handwerks.

Zurück zum Zunftlexikon

Historisches Handwerk

Gutenbergstadt · Rheinhandel · Zunftbuch

Zünfte und Handwerk in Mainz

Mainz verbindet die Geschichte der Zünfte mit einer grundlegenden Veränderung der Buchherstellung. Bewegliche Lettern entstanden aus präziser Metallarbeit; daneben prägten Schiffer, Textilgewerbe, Bauleute und die Versorgung der Stadt den Alltag.

Der Name Gutenberg öffnet den Zugang, doch das Mainzer Handwerk reicht weit über die Druckerpresse hinaus. Ein erhaltenes Zunftbuch führt zu konkreten Berufsgruppen. Dom und Rhein lenken den Blick auf Bauaufträge und Transport. Zusammen zeigen diese Spuren eine Stadt zwischen bürgerlichen Freiheiten und kurfürstlicher Herrschaft.

Historische Stadtansicht Mainz 1646
Mainz in der Topographia von Matthäus Merian, 1646. Gemeinfrei; Wikimedia Commons.
1452–1455Druck der Gutenberg-Bibel in Mainz
1462Verlust der Stadtfreiheit
Ab etwa 1468Anlage des Alten Zunftbuchs
1477Gründung der Universität

Von der freien Stadt zur kurfürstlichen Ordnung

Die Privilegien von 1244 stärkten die Mainzer Bürgerschaft gegenüber dem Erzbischof. 1462 eroberte Adolf II. von Nassau die Stadt im Konflikt mit Diether von Isenburg. Der Verlust der Stadtfreiheit veränderte auch den Rahmen der Zünfte. Ihre Geschichte lässt sich deshalb nicht als ununterbrochener Ausbau städtischer Selbstbestimmung erzählen.

Walter G. Roedel erläutert den Freiheitsbrief von 1469 als Grundlage der neuen bürgerlichen Ordnung. Wer Bürger werden wollte, musste einer Bruderschaft angehören. Organisierte Berufs- und Bürgergemeinschaften bestanden also unter veränderten herrschaftlichen Bedingungen weiter.

Der Ausdruck Freiheit meint in solchen Quellen bestimmte verliehene Rechte. Er ist nicht mit einer allgemeinen politischen Gleichberechtigung gleichzusetzen. Für das Mainzer Handwerk ist gerade dieser Unterschied zwischen gemeinschaftlicher Organisation und städtischer Selbstregierung entscheidend.

Walter G. Roedel: Mainz als kurfürstliche Residenzstadt

Ein örtliches Zeugnis: das Alte Zunftbuch

Das Stadtarchiv bewahrt unter Best. 21/100 das sogenannte Alte Zunftbuch. Der Handschriftencensus datiert seine Anlage um oder kurz nach 1468; Ergänzungen reichen mindestens bis 1515. Enthalten sind Privilegien, Ordnungen und Mitgliederverzeichnisse. Damit lässt sich die Neuorganisation an einem konkreten Mainzer Schriftstück nachvollziehen.

Zu den aufgeführten Gruppen gehören Weber, Metzger, Schuhmacher, Schneider, Schmiede und Goldschmiede. Auch Schiffer sowie Fischer und Seiler erscheinen. Die Zusammenstellung verbindet somit Herstellung, Versorgung und Verkehr. Berufsverbände konnten mehrere Tätigkeiten zusammenfassen und entsprachen nicht immer einer einzelnen heutigen Berufsbezeichnung.

Das Buch wurde über längere Zeit geführt. Freigelassene Seiten und Nachträge verlangen beim Lesen Aufmerksamkeit; die Reihenfolge im Band ist nicht automatisch die zeitliche Reihenfolge aller Einträge. Der Katalog erschließt den Inhalt, ersetzt aber für Detailfragen nicht die Handschrift.

Universität Mainz: Handschriftencensus, Best. 21/100

Gutenbergs technische Verbindung von Metall und Schrift

Die von der Stadt erläuterte Erfindung beruhte auf wiederverwendbaren Einzellettern. Für ihre Herstellung wurde eine erhabene Buchstabenform in Stahl gearbeitet und in weicheres Kupfer eingeschlagen. Die so entstehende Matrize diente als Form für den Guss. Ein Handgießinstrument ermöglichte die wiederholte Herstellung passender Typen.

Die Lettern mussten in der Druckform zusammenpassen und eine gleichmäßige Höhe besitzen. Setzen, Einfärben und Pressen verbanden die einzelnen Metallstücke anschließend zu einem gedruckten Text. Das Verfahren war somit kein einzelner Handgriff, sondern ein aufeinander abgestimmtes System.

Gerade hier wird der handwerkliche Kern der Neuerung sichtbar: Kleine Abweichungen an den Typen konnten das Druckbild beeinflussen. Die allgemeine Goldschmiededarstellung unten hilft, Präzisionsarbeit an Metall vorzustellen. Sie ist kein Porträt Gutenbergs und belegt nicht dessen konkrete Werkstattausstattung.

Stadt Mainz: Die Erfindung Gutenbergs

Wie aus der gesetzten Form ein bedruckter Bogen wurde

Die Gutenberg-Stiftung erläutert die Presse als technische Verbindung von Schraubmechanik und gleichmäßigem Druck. Die Schriftform musste eingefärbt, der Bogen richtig aufgelegt und der Druck kontrolliert ausgeführt werden. Gleichmäßigkeit entstand aus dem Zusammenspiel von Gerät, Material und Erfahrung.

Für einen längeren Text wiederholten sich diese Arbeitsschritte vielfach. Ein Buch war deshalb nicht mit dem ersten gelungenen Abdruck fertig. Die gedruckten Bögen mussten geordnet und weiterverarbeitet werden. Papiermacher, Drucker und Buchbinder stehen in den Berufsbildern für verschiedene Stationen dieser Kette.

Die Stadtchronik setzt den Druck der Gutenberg-Bibeln in Mainz in die Jahre 1452 bis 1455. Diese Datierung bezeichnet ein konkretes Großprojekt. Die allgemeine Berufszeichnung von 1568 entstand mehr als ein Jahrhundert später und zeigt keinen Augenblick aus dessen Herstellung.

Gutenberg-Stiftung: Funktionsweise der Presse · Stadt Mainz: Zeittafel

Kapital, Zusammenarbeit und ein Streit um die Bücher

Die Universitätsbibliothek Princeton behandelt Johann Fust als finanziellen Partner Gutenbergs beim Bibelprojekt. 1455 entstand ein Rechtsstreit über die Verwendung des Geldes. Dabei ging es unter anderem um Papier, Pergament, Farbe, Geräte und Löhne. Der überlieferte Konflikt macht sichtbar, welche Mittel eine Druckwerkstatt benötigte.

Die Beteiligten bewerteten die Zahlungen unterschiedlich: Darlehen und gemeinsames unternehmerisches Risiko standen zur Debatte. Technikgeschichte ist hier auch Vertrags- und Wirtschaftsgeschichte. Eine neue Herstellungsweise musste finanziert werden, bevor der Verkauf fertiger Bücher Einnahmen brachte.

Fust und Peter Schöffer stehen für die Fortführung und Weiterentwicklung des Mainzer Druckgewerbes. Das bekannte Bild des einsamen Erfinders erfasst diesen Zusammenhang nur teilweise. Der Blick auf Mitarbeiter, Partner und Materialkosten ergänzt die Leistung der technischen Neuerung.

Princeton University Library: Fust und Schöffer in Mainz

Der Dom als dauerhafte Aufgabe für das Bauhandwerk

Unter Erzbischof Willigis begann der Bau der großen Kathedrale. Das Bistum erläutert den Dom als Ausdruck seiner kirchlichen und politischen Stellung. Ein solches Vorhaben setzte umfangreiche Materialbeschaffung und die Koordination vieler ausführender Arbeiten voraus. Auftrag, Entwurf und handwerkliche Ausführung gehören deshalb zusammen.

Das Gebäude blieb nicht unverändert. Zwischen 1279 und 1319 kamen gotische Seitenkapellen hinzu; weitere spätgotische Bauteile ergänzten den Bestand. Wer heute durch den Dom geht, begegnet somit unterschiedlichen Bauphasen. Eine einzelne Jahreszahl kann die gesamte Arbeit am Gebäude nicht zusammenfassen.

Am Stein lassen sich Konstruktion und Gestaltung unterscheiden. Mauerwerk, Öffnungen und Gewölbe stellen andere Anforderungen als ornamentaler Schmuck. Spätere Erhaltung verlangt zusätzlich die Entscheidung, welche Substanz gesichert und wo ergänzt werden muss. Baugeschichte ist damit auch eine lange Geschichte fortgesetzter Arbeit.

Bistum Mainz: Geschichte des Doms · Bistum Mainz: Baustile und Erweiterungen

Was Ordnungen über den Alltag erzählen können

Die Mainzer Quellen eröffnen zwei verschiedene Zugänge zur Arbeitswelt. Im Zunftbuch stehen Gruppen und ihre Regeln im Vordergrund. Im Streit um Gutenbergs Buchprojekt werden dagegen Kosten und wirtschaftliche Beziehungen sichtbar. Beide Perspektiven ergänzen sich, ohne dass die eine Quelle alle Fragen der anderen beantworten könnte.

Für die Ausbildung wären die Bestimmungen des jeweiligen Gewerbes zu untersuchen. Ein Weber musste andere Fertigkeiten beherrschen als ein Metallarbeiter oder Buchbinder. Aus der bloßen Nennung im Zunftbuch folgt noch keine einheitliche Lehrdauer. Ebenso wenig lässt sich für ganz Mainz ein einziges Meisterstück angeben.

Zum Arbeitsalltag gehörten außerdem Materialtransport, Verkauf und die Versorgung der Beschäftigten. Wer daran beteiligt war, bleibt in einer Liste förmlicher Mitglieder unter Umständen unsichtbar. Für einzelne Frauen, Gesellen und Familien sind deshalb weitere personenbezogene Unterlagen notwendig. Zunftgeschichte wird genauer, wenn sie Regeln und gelebte Arbeit auseinanderhält.

Mainz als zusammenhängenden Arbeitsraum entdecken

Die Stadtansicht von Merian zeigt Mainz am Rhein. Sie hilft, den räumlichen Zusammenhang von Wasserweg, dichter Bebauung und großen kirchlichen Gebäuden zu erkennen. Einzelne Werkstätten oder ihre Beschäftigten lassen sich aus einer solchen Gesamtansicht dagegen nicht zuverlässig bestimmen.

Für einen Rundgang bieten Dom, Altstadt und die Geschichte des Buchdrucks unterschiedliche Ausgangspunkte. Am Dom steht die Veränderung eines Bauwerks im Mittelpunkt; beim Buch die Folge vieler Herstellungsschritte. Der Rhein ergänzt beides um die Frage, wie Materialien und fertige Waren bewegt wurden.

Die städtische Übersicht historischer Bauwerke und die Tafeln Historisches Mainz führen zu weiteren örtlichen Stationen. Das Zunftbuch kann diese sichtbaren Orte um schriftlich benannte Berufsgruppen ergänzen. So entsteht ein Bild der Gutenbergstadt, in dem die berühmte Erfindung ihren Platz innerhalb einer breiteren Handwerkswelt erhält.

Stadt Mainz: Historische Bauwerke

Zeitleiste: Handwerksgeschichte in Mainz

1244

Privilegien stärken Rat und Bürgerschaft.

1279–1319

Gotische Seitenkapellen erweitern den Dom.

1452–1455

Die Gutenberg-Bibel wird in Mainz gedruckt.

1455

Fust und Gutenberg streiten über die Finanzierung des Buchprojekts.

1462

Adolf II. von Nassau erobert die Stadt; die Stadtfreiheit endet.

Um 1468 / 1469

Anlage des Alten Zunftbuchs und neuer Freiheitsbrief.

1477

Gründung der Universität.

Bis mindestens 1515

Ergänzungen im Alten Zunftbuch.

Quellen, Bilder und weiterführende Spuren

Für die Mainzer Verfassungsgeschichte wird die Untersuchung von Walter G. Roedel herangezogen; sie benennt Adolf II. von Nassau als Eroberer von 1462. Der Handschriftencensus erschließt das Alte Zunftbuch. Stadt, Gutenberg-Stiftung und Universitätsbibliothek Princeton erläutern unterschiedliche Seiten der Buchherstellung. Die Domquellen stammen vom Bistum.

Die Quellen stehen jeweils beim zugehörigen Kapitel. Die historische Stadtansicht zeigt Mainz; die Berufsbilder erläutern Werkzeuge und Tätigkeiten vergleichend. Sie stammen aus dem Ständebuch von 1568 und sind keine örtlichen Werkstattporträts.

REGIONALE EINORDNUNG

Zunftzeichen und Zunftwappen dieser Region einordnen

Lokale Zünfte konnten eigene Namen, Regeln, Zeichen und Bildtraditionen besitzen. Deshalb werden regionale Belege nicht automatisch als allgemeingültiges Zunftwappen eines Berufs behandelt.

Allgemeine Berufs- und Handwerkszeichen findest du zusätzlich im Berufswappen-Lexikon A–Z.

Quellenregel: Ein lokales historisches Zunftwappen, ein Zunftzeichen, ein allgemeines Berufszeichen und eine moderne Orientierungsdarstellung sind nicht automatisch dasselbe.

AUTOR · RECHERCHE · EINORDNUNG

Über Recherche und Gestaltung

M. Achberger

Für das Zunftlexikon recherchiere ich historische Quellen, Museumsbestände, Handwerksordnungen und Bildquellen. Ich ordne die Entwicklung der Berufe ein und verbinde dieses Wissen mit meiner künstlerischen Arbeit im Atelier Achberger. Wo sich Regeln und Bezeichnungen regional oder zeitlich unterscheiden, kennzeichne ich das so genau wie möglich.

Historische Recherche · Quellenkritik · Bild- und Handwerksgeschichte

Mehr über Atelier & Entstehung