Zunftlexikon · Berufsgeschichte

Zünfte und Handwerk in Saarbrücken – Residenz, Zünfte & Industriewandel

Geschichte, Werkzeuge, Zunftzeichen und Entwicklung eines historischen Handwerks.

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Historisches Handwerk

Saarbrücken und St. Johann · Barockbau · Industrieregion

Zünfte und Handwerk in Saarbrücken

Saarbrückens Handwerksgeschichte beginnt mit mehreren Orten an der Saar. Bürgerrechte, Zunftunterlagen und barocke Bauwerke führen in die ältere Stadt; Glas, Kohle und Eisen öffnen den Blick auf eine grenzüberschreitende Produktionsregion.

Alt-Saarbrücken, St. Johann und Malstatt-Burbach wurden erst 1909 zu einer Stadt vereinigt. Historische Aussagen müssen deshalb genauer verortet werden als auf einer heutigen Karte. Das Profil verbindet diese unterschiedlichen Räume, ohne ihre eigenen Entwicklungen zu einer einheitlichen mittelalterlichen Zunftstadt zu verschmelzen.

Historische Stadtansicht von Saarbrücken um 1770
Saarbrücken um 1770. Gemeinfreie historische Darstellung.
1322Freiheitsbrief für Saarbrücken und St. Johann
1761 / 1762Bau und Inbetriebnahme des historischen Saarkrans
1775Vollendung des Ensembles der Ludwigskirche
1909Vereinigung der drei Stadtgemeinden

Der Freiheitsbrief von 1322

Graf Johann I. von Saarbrücken-Commercy gewährte Saarbrücken und St. Johann 1322 städtische Freiheitsrechte. Die Landeshauptstadt erschließt die Urkunde in einer digitalen Ausstellung mit Transkription. Damit steht ein konkreter Ausgangspunkt für die Geschichte bürgerlicher Organisation zur Verfügung.

Solche verliehenen Rechte ordneten das Verhältnis zur Herrschaft. Sie bedeuteten keine allgemeine Unabhängigkeit und sind auch kein automatischer Beleg für eine politische Regierung der Zünfte. Für das Handwerk muss zusätzlich nach den späteren Berufsordnungen und ihrer jeweiligen Zuständigkeit gefragt werden.

Die beiden Orte lagen einander an der Saar gegenüber und blieben lange selbstständig. Ihre gemeinsame Nennung im Freiheitsbrief hilft, Verbindungen zu erkennen; sie hebt die spätere getrennte örtliche Entwicklung nicht auf.

Stadt Saarbrücken: Freiheitsbrief und digitale Ausstellung

Müller und Mehlwieger: Versorgung wird geregelt

Das Archivportal weist eine Saarbrücker und St. Johanner Müller- und Mehlwiegerordnung mit Taxen nach. Sie gehört zum Stadtarchiv Saarbrücken und trägt die Signatur Gem. SG 262. Schon der Titel verbindet Herstellung beziehungsweise Verarbeitung mit dem Wiegen und mit festgesetzten Entgelten.

Für die Versorgung einer Stadt sind diese Tätigkeiten eng aufeinander bezogen. Getreide und Mehl mussten mengenmäßig erfasst werden; aus Mehl entstand unter anderem Brot. Der Bäckerholzschnitt erläutert einen weiteren Schritt dieser Verarbeitungskette. Er bildet jedoch keine bestimmte Saarbrücker Mühle oder Backstube ab.

Der Katalogtitel erschließt die Quelle, gibt aber noch nicht ihren gesamten Regelungsinhalt wieder. Aus ihm werden hier deshalb weder eine historische Brotgröße noch ein bestimmter Preis abgeleitet. Solche Angaben erfordern die Einsicht in die datierte Ordnung selbst.

Archivportal-D: Müller- und Mehlwiegerordnung, Gem. SG 262

Die Ludwigskirche als Teil eines geplanten Ensembles

Friedrich Joachim Stengel prägte das barocke Saarbrücken. Die Ludwigskirche steht mit dem Ludwigsplatz, Palais und Beamtenhäusern in einem zusammenhängenden Ensemble, das 1775 vollendet wurde. Sichtachsen verbinden Architektur und Stadtraum. Der Entwurf richtet damit nicht nur ein einzelnes Gebäude, sondern auch dessen Umgebung aus.

Hinter der Gesamtwirkung liegen viele ausführende Tätigkeiten. Stein musste passend bearbeitet, Holz für Konstruktionen zugerichtet und die Ausstattung gefertigt werden. Die allgemeinen Bilder von Steinmetz und Zimmermann helfen, diese Arbeitsteilung zu erkennen. Sie erlauben keine Zuordnung zu einem namentlich unbekannten Arbeiter Stengels.

Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurden Kirche und benachbarte Palais wieder aufgebaut. Die heute sichtbare Gestalt erzählt deshalb auch von Rekonstruktion und Erhaltung. Entstehungszeit des Entwurfs und Alter jedes einzelnen Bauteils sind nicht dasselbe.

Stadt Saarbrücken: Ludwigskirche und Ludwigsplatz

Waren zwischen Schiff und Fuhrwerk bewegen

Der historische Saarkran wurde 1761/62 nach Stengels Plänen errichtet. Er verband die Schifffahrt mit dem Transport an Land. Eine Ware war mit ihrer Herstellung noch nicht beim Abnehmer: Sie musste gehoben, umgeladen und weiterbefördert werden. Der Kran macht diese oft übersehene Zwischenstufe sichtbar.

Sein Bau vereinte Holz- und Metallteile mit einem steinernen Unterbau. Kräfte mussten sicher übertragen werden; Seile beziehungsweise Ketten, Rollen und tragende Teile erfüllten unterschiedliche Aufgaben. Das Gerät gehört damit gleichermaßen zur Verkehrs- und Handwerksgeschichte.

Der heutige Saarkran ist ein Wiederaufbau von 1991. Er darf nicht als unberührt erhaltenes Original aus dem 18. Jahrhundert bezeichnet werden. Die Stadt erläutert außerdem den Restaurierungsbedarf des Auslegers. Für die historische Einordnung bleibt entscheidend, dass hier ein früherer Umschlagplatz durch eine Rekonstruktion veranschaulicht wird.

Stadt Saarbrücken: Geschichte und Wiederaufbau des Saarkrans · Historischer Betrieb des Saarkrans

Gersweiler und die Verbindungen über die Grenze

Die Historikerin Gerhild Krebs beschreibt an der Glasmacherfamilie Raspiller ein Netz von Arbeits- und Familienbeziehungen zwischen Lothringen und dem heutigen Saarland. Gersweiler erscheint darin als einer der verbundenen Glasstandorte. Kenntnisse, Beteiligungen und Menschen bewegten sich über örtliche Grenzen hinweg.

Besonders aufschlussreich ist Maria Anna Greiner, die als Mitbesitzerin von Glashütten in Gersweiler und Schœneck genannt wird. Frauen erscheinen hier nicht nur als anonyme Mitarbeitende, sondern als konkret benannte Beteiligte an Besitz und wirtschaftlicher Weitergabe. Das ist ein anderer Quellentyp als eine Liste ausschließlich männlicher Zunftmeister.

Die Untersuchung verbindet Standortwechsel mit Brennstoffbedarf, Familienverhältnissen und Marktbedingungen. Für Saarbrücken erweitert sie den Blick über das barocke Zentrum hinaus. Dabei bleiben Schœneck, Fenne und Wadgassen eigenständige Orte der Region und werden nicht nachträglich zu Saarbrücker Stadtvierteln erklärt.

Gerhild Krebs, Universität des Saarlandes: Glasmacherfamilie Raspiller

Zunftzugehörigkeit ist nur ein Teil des Berufslebens

Das Stadtarchiv gliedert seine Überlieferung unter anderem nach Zünften und Handwerkern. Dieser Zugang hilft, nach einem bestimmten Gewerbe zu suchen. Für eine Ausbildungsgeschichte muss anschließend geklärt werden, welche Aufnahmebestimmungen, Lehrverträge oder personenbezogenen Einträge tatsächlich erhalten sind.

Ein allgemeines Stufenmodell von Lehrling, Geselle und Meister ersetzt diese Prüfung nicht. Die hier benannte Müllerordnung und die Glasmacherbiographien beantworten unterschiedliche Fragen. Eine einzige Lehrdauer für alle Saarbrücker Berufe ließe sich daraus nicht seriös ableiten.

Auch in der Versorgung und Bekleidung der Stadt arbeiteten Menschen mit verschiedenen Rechtsstellungen. Schneider und Gerber sind in den Bildern als Tätigkeitsfelder erkennbar. Wer Material beschaffte, verkaufte oder im Haushalt mitarbeitete, bleibt in solchen Darstellungen häufig außerhalb des Bildes. Die Geschichte einzelner Familien braucht deshalb mehr als ein Berufszeichen.

Stadtarchiv Saarbrücken: Bestandsgruppe Zünfte und Handwerker

Kohle, Stahl und Eisenbahn verändern die Größenordnung

Die Burbacher Hütte wurde 1856 gegründet. Die städtische Publikation Burbacher Gold beschreibt Kohle, Stahl und Eisenbahn als treibende Kräfte des örtlichen Wachstums. Die Hütte lieferte unter anderem für Eisenbahn und Bauwirtschaft und beschäftigte viele Menschen. Das kleine Burbach entwickelte sich in einem industriellen Zusammenhang.

Diese Entwicklung lässt sich nicht als bloße Vergrößerung einer Schmiedezunft erklären. Hüttenproduktion, mechanische Weiterverarbeitung und Werkstattarbeit besitzen unterschiedliche Aufgaben und Betriebsformen. Verbindend bleibt das Wissen über Werkstoffe und deren Bearbeitung; Organisation, Kapitalbedarf und Arbeitsverhältnisse veränderten sich erheblich.

Die Stadtvereinigung von 1909 brachte Alt-Saarbrücken, St. Johann und Malstatt-Burbach zusammen. Wer von der älteren Saarbrücker Handwerkswelt spricht, sollte diese spätere Zusammenführung mitdenken. Die heutigen Stadtgrenzen umfassen eine Residenzgeschichte ebenso wie eine eigenständige Industriegeschichte.

Stadtarchiv: Burbacher Gold · Gründung und Entwicklung der Burbacher Hütte · Stadt Saarbrücken: Chronik

Die Saar als Verbindung zwischen verschiedenen Arbeitsorten

Eine Spurensuche kann am Freiheitsbrief beginnen und über Ludwigskirche und Saarkran zur regionalen Glas- und Eisenproduktion führen. Dabei verändert sich der Maßstab: von verliehenen Bürgerrechten über ein städtisches Bauensemble bis zu wirtschaftlichen Beziehungen zwischen mehreren Orten.

Die Saar verbindet diese Perspektiven räumlich. Sie trennt zugleich die älteren Siedlungskerne und bildet einen Verkehrsweg für Güter. Der Blick vom Ufer auf Stadt und Bauwerke hilft, diesen Zusammenhang zu verstehen, ohne aus einer schönen Ansicht schon auf einzelne Werkstattstandorte zu schließen.

Saarbrückens Besonderheit liegt in dieser Vielschichtigkeit. Schriftliche Ordnung, barocker Wiederaufbau, Familiennetz und industrielle Großproduktion sind jeweils eigenständige Kapitel. Zusammen erklären sie, warum eine Handwerksgeschichte der heutigen Landeshauptstadt über das Bild einer einzigen alten Zunftstadt hinausgehen muss.

Zeitleiste: Handwerksgeschichte in Saarbrücken

1322

Freiheitsbrief für Saarbrücken und St. Johann.

1761 / 1762

Der historische Saarkran entsteht und nimmt seinen Betrieb auf.

1775

Vollendung des Ensembles um die Ludwigskirche.

18. / 19. Jahrhundert

Glasmacherfamilien verbinden Gersweiler mit weiteren regionalen Standorten.

1856

Gründung der Burbacher Hütte.

1909

Vereinigung von Saarbrücken, St. Johann und Malstatt-Burbach.

1991

Wiederaufbau des Saarkrans.

Quellen, Bilder und weiterführende Spuren

Stadt und Stadtarchiv erschließen Bürgerrechte, Bauwerke und Industriegeschichte. Die Müllerordnung wird über ihren Archivnachweis benannt, ohne unbesehen einzelne Bestimmungen zu behaupten. Gerhild Krebs ergänzt die grenzüberschreitende Glasgeschichte und die Rolle konkret benannter Familienmitglieder.

Die Quellen stehen jeweils beim zugehörigen Kapitel. Die historische Stadtansicht zeigt Saarbrücken; die Berufsbilder erläutern Werkzeuge und Tätigkeiten vergleichend. Sie stammen aus dem Ständebuch von 1568 und sind keine örtlichen Werkstattporträts.

REGIONALE EINORDNUNG

Zunftzeichen und Zunftwappen dieser Region einordnen

Lokale Zünfte konnten eigene Namen, Regeln, Zeichen und Bildtraditionen besitzen. Deshalb werden regionale Belege nicht automatisch als allgemeingültiges Zunftwappen eines Berufs behandelt.

Allgemeine Berufs- und Handwerkszeichen findest du zusätzlich im Berufswappen-Lexikon A–Z.

Quellenregel: Ein lokales historisches Zunftwappen, ein Zunftzeichen, ein allgemeines Berufszeichen und eine moderne Orientierungsdarstellung sind nicht automatisch dasselbe.

AUTOR · RECHERCHE · EINORDNUNG

Über Recherche und Gestaltung

M. Achberger

Für das Zunftlexikon recherchiere ich historische Quellen, Museumsbestände, Handwerksordnungen und Bildquellen. Ich ordne die Entwicklung der Berufe ein und verbinde dieses Wissen mit meiner künstlerischen Arbeit im Atelier Achberger. Wo sich Regeln und Bezeichnungen regional oder zeitlich unterscheiden, kennzeichne ich das so genau wie möglich.

Historische Recherche · Quellenkritik · Bild- und Handwerksgeschichte

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