Historisches Handwerk
Krämerhaus · Orgelbau · Fayencen und Spielkarten
Zünfte und Handwerk in Stralsund
Stralsunds Handwerksgeschichte reicht vom mittelalterlichen Warenhaus bis zur bedruckten Spielkarte. Kircheninstrumente, Keramikmanufaktur und erhaltene Alltagsgegenstände zeigen, wie Herstellung und Handel die Stadt miteinander verbanden.
Die Zeugnisse liegen auf unterschiedlichen Ebenen: Ein Haus bewahrt Arbeitsräume und Hebetechnik, ein Instrument die Abstimmung vieler Bauteile, eine Fayence den Austausch von Wissen über die Ostsee. Dabei bleiben Herstellungsort und heutiger Sammlungsort stets zu unterscheiden.

Ein Gebäude zum Lagern, Verkaufen und Wohnen
Das Museumshaus in der Mönchstraße 38 entstand um 1320 als Krämerhaus. Seine Diele diente dem Anliefern und Aushändigen von Waren; Wohnräume und spätere Einbauten zeigen die wechselnde Nutzung über viele Generationen. Das Haus selbst ist damit ein großes erhaltenes Wirtschaftszeugnis.
Besonders anschaulich ist das hölzerne Lastenrad. Es verweist auf die Arbeit beim Bewegen von Waren zwischen den Geschossen. Lagerraum allein genügte nicht: Säcke und Fässer mussten auch dorthin gelangen und wieder heruntergebracht werden.
Die bewahrten Bauteile erschließen Zimmerarbeit, Verbindungen und Reparaturen. Zugleich zeigt die museale Erhaltung spätere Veränderungen. Ein historisches Haus wird hier nicht auf einen einzigen vermeintlich ursprünglichen Zustand reduziert, sondern als gewachsener Arbeits- und Lebensort lesbar.
Stralsund Museum: Museumshaus in der Mönchstraße

Das Krämergestühl in St. Nikolai
In St. Nikolai sind historische Gestühle erhalten, die wohlhabende Gruppen und berufliche Gemeinschaften nutzten. Dazu gehört das Krämergestühl von 1574. Es macht die gesellschaftliche Gliederung innerhalb eines gemeinsamen Kirchenraums sichtbar.
Krämer waren Händler. Ihr Gestühl war dagegen das Ergebnis von Holzarbeit und gestalterischer Ausführung. Auftraggeber und Hersteller nahmen somit unterschiedliche Rollen ein, obwohl beide zur städtischen Wirtschaft gehörten.
Solche Ausstattungsstücke erweitern die Handwerksgeschichte über Werkzeuge hinaus. Sie zeigen, wofür berufliche Gemeinschaften Geld ausgaben und wie sie ihre Stellung öffentlich ausdrückten. Der erhaltene Kirchenraum bewahrt damit nicht nur religiöse Motive, sondern auch Spuren gesellschaftlicher Zugehörigkeit.
ADAC: erhaltene Gestühle in St. Nikolai

Eine Werkstatt arbeitet in der Kirche
Friedrich Stellwagen baute die große Orgel von St. Marien zwischen 1655 und 1659. Während der Arbeiten richtete er seine Werkstatt in den Turmhallen ein. Herstellung und Aufstellung waren bei einem solchen Großinstrument eng miteinander verbunden.
Das Werk besitzt ein reich geschnitztes und bemaltes Gehäuse. Hinter der sichtbaren Fassade liegen Pfeifen, Windversorgung und mechanische Übertragungen. Erst ihr Zusammenwirken macht aus dem Baukörper ein spielbares Instrument.
Die Orgel erfuhr später erhebliche Veränderungen. Bei der Restaurierung von 2004 bis 2008 dienten erhaltene Teile und vergleichbare Arbeiten Stellwagens als Grundlagen. Das heutige Instrument verbindet daher historische Substanz mit späterer Wiederherstellung. Ein pauschales Etikett unverändert seit 1659 würde seiner Geschichte nicht gerecht.
Sonus Paradisi: Dokumentation der Stellwagen-Orgel


Ton von Hiddensee für Stralsunder Gefäße
1755 ließ der Rat eine Fayencemanufaktur zu, die Joachim Ulrich Giese in der Tribseer Straße betrieb. Ton wurde auf Hiddensee gewonnen und nach Vorbereitung über den Seeweg nach Stralsund gebracht. Rohstoffort und Verarbeitungsort waren also verbunden, aber nicht identisch.
Die Produktion umfasste unter anderem Geschirr, Fliesen und Schreibgerät. Eine weiß glasierte Oberfläche bot Raum für farbige Bemalung. Fayence ist dabei ein eigener keramischer Werkstoff und sollte nicht allein wegen seiner hellen Erscheinung mit Porzellan gleichgesetzt werden.
1767: Fachkräfte kommen aus Schweden
Johann Eberhard Ludwig Ehrenreich übernahm 1767 die Manufaktur und brachte Fachkräfte aus dem schwedischen Marieberg mit. Das Museum nennt Dreher, Former, Maler und Brenner mit ihren Familien. Ihre Erfahrungen wirkten auf die Stralsunder Erzeugnisse ein.
Die Aufzählung zeigt Arbeitsteilung innerhalb einer Manufaktur. Ein fertiges Gefäß konnte durch mehrere Hände gehen. Die Wanderung der Beteiligten erklärt deshalb Gemeinsamkeiten von Formen und Dekor besser als die Vorstellung einer ausschließlich örtlichen Entwicklung.
Eine Konzession begründet einen neuen Produktionszweig
1765 erhielt Caspar Kern eine Konzession zum Betrieb einer Spielkartenfabrik. Später entstanden weitere Unternehmen dieses Gewerbes in Stralsund. 1872 schlossen sich mehrere Hersteller zu den Vereinigten Stralsunder Spielkarten-Fabriken zusammen.
Die Unternehmensgeschichte verbindet den Stralsunder Ursprung mit der späteren Marke ASS Altenburger. Damit lässt sich eine örtliche Produktionsgeschichte verfolgen, deren spätere Entwicklung über die Stadt hinausführte.
Eine Spielkarte wirkt wie ein einfaches kleines Produkt. Tatsächlich müssen Bild, Druck, Material und Zuschnitt zusammenpassen, damit ein ganzes Blatt gleichmäßig benutzbar ist. Gerade die Wiederholung vieler ähnlicher Stücke stellt besondere Anforderungen an die Herstellung. Konzession, Werkstattorganisation und Absatz gehören deshalb zur selben Geschichte.
Landesmuseum: Spielkartenproduktion in Stralsund · ASS Altenburger: Unternehmensgeschichte


Historische Maschinen bleiben Arbeitsgeräte
Die heutige Spielkartenfabrik Stralsund versteht sich als arbeitendes Museum. In ihrer Werkstatt entstehen historische und neue Kartenblätter im Buchdruck. Die Maschinen werden damit nicht nur aufgestellt, sondern für tatsächliche Arbeitsabläufe verwendet.
Das ermöglicht einen Zugang über das Tun: Eine Druckform wird vorbereitet, eingefärbt und auf das Material übertragen. Gleichmäßige Ergebnisse entstehen durch Einrichtung und Kontrolle, nicht durch das bloße Vorhandensein einer alten Presse.
Die Museumswerkstatt bewahrt Fertigkeiten und macht sie vermittelbar. Sie ist dabei als heutige Einrichtung von der früheren industriellen Unternehmensorganisation zu unterscheiden. Die Verbindung liegt in den Verfahren und der örtlichen Erinnerung an die Kartenproduktion, nicht in einer unveränderten Fabrik seit dem 18. Jahrhundert.
Spielkartenfabrik Stralsund: arbeitendes Museum

Ein Waffeleisen trägt ein Herrscherzeichen
Das Stralsund Museum bewahrt ein langstieliges Waffeleisen mit einem Monogramm Karls XII. von Schweden. Die genaue Herkunft und Datierung sind nicht abschließend geklärt; das Museum hält eine Herstellung im 18. Jahrhundert für wahrscheinlich. Ein königliches Zeichen allein beweist keine persönliche Benutzung durch den König.
Die gravierte Form prägte ein Motiv in den Teig. Lange Griffe ermöglichten den Umgang mit dem erhitzten Eisen. Gestaltung, Material und Gebrauch lassen sich an diesem unscheinbaren Küchengerät besonders gut zusammen betrachten.
Das Stück gehört zur Sammlung in Stralsund, ist aber keiner sicher nachgewiesenen örtlichen Werkstatt zugeordnet. Es ergänzt die Stadtgeschichte als überliefertes Kulturzeugnis. Gerade die offen benannten Unsicherheiten machen verständlich, was ein einzelnes Objekt belegen kann und was nicht.
Stralsund Museum: Untersuchung eines historischen Waffeleisens

Zeitleiste: Handwerksgeschichte in Stralsund
Entstehung des Krämerhauses in der Mönchstraße.
Datierung des Krämergestühls in St. Nikolai.
Bau der Stellwagen-Orgel.
Fayencemanufaktur und spätere Übernahme durch Ehrenreich.
Konzession für Kerns Spielkartenfabrik.
Zusammenschluss mehrerer Spielkartenhersteller.
Quellen, Bilder und weiterführende Spuren
Das Stralsund Museum dokumentiert Haus, Keramik und Alltagsgerät. Die Orgeldokumentation erläutert Herstellung und Restaurierung; Spielkartenmuseum und Unternehmenschronik erschließen den Druck. Unsichere Objektzuordnungen werden nicht als sichere Ortsbelege verwendet.
Die Quellen stehen jeweils beim zugehörigen Kapitel. Die historische Stadtansicht zeigt Stralsund. Die mit Jost Amman bezeichneten Berufsbilder stammen aus dem Ständebuch von 1568 und erläutern Tätigkeiten vergleichend; weitere Abbildungen sind jeweils gesondert beschriftet.