Historisches Handwerk
Städteatlas · Freie Reichsstadt Straßburg
Zünfte und Handwerk in Straßburg – Ammeister, Schwörbrief & Zunftverfassung
Straßburg gehört zu den wichtigsten Beispielen dafür, wie aus handwerklichen Korporationen politische Verfassungsmacht werden konnte.
Nach der Loslösung von der bischöflichen Stadtherrschaft im 13. Jahrhundert gewann das organisierte Handwerk immer mehr Gewicht. 1332 erhielten die Zünfte 25 der 50 Ratssitze; aus ihren Reihen kam fortan der Ammeister. Der Schwörbrief von 1482 verdichtete diese Entwicklung zu einer Ordnung, in der zünftige Vertreter zwei Drittel der maßgeblichen Ämter stellten. Bemerkenswert ist, dass diese Verfassung sogar nach der französischen Übernahme von 1681 zunächst weiterbestand.

13. Jahrhundert
Vom Handwerk zur städtischen Körperschaft
Die Straßburger Zünfte entstanden wahrscheinlich im 13. Jahrhundert. Sie organisierten nicht nur einzelne Berufe, sondern wurden Teil einer Stadtgesellschaft, in der wirtschaftlicher Erfolg, Bürgerrecht, Wehrpflicht und politische Mitsprache eng miteinander verbunden waren.
Straßburg lag an einem der wichtigsten Verkehrsräume des Oberrheins. Handel, Märkte, das Münster und die wachsende Stadtbevölkerung erzeugten einen großen Bedarf an Bau-, Metall-, Textil-, Leder- und Lebensmittelhandwerk. Mit der Spezialisierung der Berufe stieg zugleich der Bedarf an Regeln: Wer durfte einen Beruf selbständig ausüben? Wer bildete Lehrlinge aus? Welche Qualität musste eine Ware haben? Wo und zu welchen Bedingungen durfte verkauft werden?
Die Korporationen schufen hierfür eine verbindliche Ordnung. Sie standen jedoch nicht außerhalb der Stadtregierung. Schon früh verband sich ihre wirtschaftliche Rolle mit militärischen und kommunalen Pflichten.
Schlacht bei Hausbergen
1262: Bürger und Handwerker lösen die Stadt aus der bischöflichen Herrschaft
Ein früher Wendepunkt war der Konflikt mit Bischof Walter von Geroldseck. In der Schlacht bei Hausbergen 1262 kämpfte das städtische Aufgebot gegen den Bischof. Die offizielle Straßburger Darstellung hebt ausdrücklich hervor, dass Handwerker als Fußvolk an diesem Kampf beteiligt waren.
Der Sieg stärkte die politische Selbständigkeit der Bürgerschaft. Straßburg entwickelte sich anschließend zu einer freien Reichsstadt. Bereits 1263 erhielt die Stadt ein Amt, das den einzelnen Handwerken Meister zuordnete. Noch war daraus keine Zunftherrschaft geworden, doch Berufsorganisation und Stadtverfassung rückten nun eng zusammen.



Politischer Durchbruch
1332: Die Zünfte erhalten die Hälfte der Ratssitze
Im frühen 14. Jahrhundert verschärften sich Konflikte innerhalb der städtischen Führung. Patrizische Familien hatten die Politik lange dominiert, doch die wirtschaftlich erstarkten Zünfte verlangten einen dauerhaften Anteil an der Regierung.
1332 wurde dieser Anspruch institutionell sichtbar: Nach der offiziellen Straßburger Zunftgeschichte erhielten die Korporationen 25 der insgesamt 50 Ratssitze. Damit verfügten sie noch nicht über eine numerische Mehrheit im gesamten Rat, aber über eine gleichgewichtige politische Stellung, die durch ein weiteres wichtiges Amt verstärkt wurde: Der Ammeister, einer der zentralen städtischen Amtsträger, kam aus den Reihen der Zünfte.
Die Zünfte wurden damit zu dauerhaften politischen Wahl- und Repräsentationskörpern. Ihre Bedeutung ging weit über die Regelung von Arbeitsbedingungen hinaus: Wer innerhalb einer Zunft Bürgerrecht und politische Stellung besaß, war Teil des Systems, aus dem Ratsherren, Ammeister und weitere Amtsträger hervorgingen.
1334–1482
Schwörbriefe machen die Machtverteilung zur Verfassung
Die Straßburger Stadtverfassung entwickelte sich nicht in einem einzigen Schritt. Nach den Auseinandersetzungen von 1332 wurde 1334 ein erster Schwörbrief als verfassungsartige Urkunde formuliert. In den folgenden anderthalb Jahrhunderten wurde diese Ordnung mehrfach verändert und neu beschworen.
Ein Schwörbrief regelte unter anderem die Zusammensetzung städtischer Ämter, Wahlverfahren, Pflichten der Amtsträger und das Verhältnis der politischen Gruppen. Für 1349 ist die jährliche Wahl eines Ammeisters aus dem zünftigen Bereich belegt. Damit wurde die zeitlich begrenzte Amtsausübung selbst Teil des institutionellen Systems.
Die endgültige Fassung von 1482 gilt als Höhepunkt dieser Entwicklung. Die Zahl der politisch anerkannten Zünfte wurde von 28 auf 20 reduziert. Nach der überlieferten Verfassungsordnung entfielen ungefähr zwei Drittel der Magistratsstellen auf die Zünfte und ein Drittel auf die patrizischen beziehungsweise adeligen Geschlechter.
20 Zünfte
Die Verfassung von 1482 bündelte die politische Repräsentation in zwanzig anerkannten Korporationen.
Ammeister
Der Ammeister wurde aus dem zünftigen Lager gewählt und bildete ein Gegengewicht zum patrizisch geprägten Stettmeister.
Rat
Die überlieferte Ratsstruktur umfasste zehn patrizische Vertreter, den Ammeister und zwanzig Vertreter der Zünfte.
Jährlicher Eid
Die Stadtordnung wurde durch regelmäßige Eide öffentlich bekräftigt. Verfassung war damit nicht nur Text, sondern wiederkehrendes politisches Ritual.
Der Schwörbrief von 1482 blieb bis zur Französischen Revolution die grundlegende Verfassungsordnung Straßburgs. Gerade diese lange Dauer macht die Stadt zu einem besonders guten Vergleichsfall neben Ulm, Augsburg und Köln.
Regeln, Ausbildung, Gericht
Die politische Macht beruhte auf einer dichten Berufsordnung
Die Straßburger Zünfte kontrollierten Handwerk und Handel bis weit in das 18. Jahrhundert hinein. Ein jährlich gewählter Zunftmeister leitete die Korporation, entschied zusammen mit weiteren Amtsträgern interne Streitigkeiten, überwachte die Qualität der Arbeit und verwaltete die gemeinsame Kasse.
Eine Zunft konnte dabei mehrere Berufe umfassen. Entscheidend war nicht nur die handwerkliche Technik, sondern die Einordnung in einen rechtlich anerkannten Berufsverband. Regeln betrafen den Zugang zum Meisterstand, Lehr- und Gesellenverhältnisse, Produktion, Verkauf, Preise oder Maße sowie die Einhaltung der Berufsordnung.
Zugleich hatten die Zünfte städtische Pflichten. Ihre Mitglieder beteiligten sich an der Verteidigung, an Nachtwachen, am Brandschutz und an der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung. Die Korporation war deshalb Berufsgemeinschaft, politische Wahlgemeinschaft und Teil der kommunalen Sicherheitsorganisation zugleich.



Poêle · Stube
Zunfthäuser waren Werkzeuge politischer Öffentlichkeit
Zur Straßburger Zunftwelt gehörten eigene Versammlungsorte. In französischen Quellen werden sie als poêles, in der deutschen Tradition als Stuben bezeichnet. Diese Häuser waren weit mehr als Gaststuben.
Hier fanden Versammlungen und gemeinsame Mahlzeiten statt, hier wurden Archive, Siegel, Fahnen, Trinkgefäße und teilweise militärische Ausrüstung verwahrt. In einer Stadt, deren Verfassung auf organisierten Korporationen beruhte, wurde das Zunfthaus zu einem institutionellen Raum: Mitglieder begegneten sich dort als Berufsgenossen, Bürger, Wehrpflichtige und politische Wähler.
Die materielle Ausstattung solcher Häuser zeigt, wie eng Repräsentation und Verwaltung miteinander verbunden waren. Zunftladen, Fahne, Siegel und Becher waren nicht bloß dekorative Gegenstände. Sie markierten Rechtsfähigkeit, gemeinsames Eigentum, Erinnerung und gesellschaftlichen Rang.
Werkstattstadt am Oberrhein
Bau, Metall, Textil, Leder, Nahrung und Buchgewerbe
Straßburgs wirtschaftliche Stärke beruhte auf der Verbindung von regionalem Markt, Rheinverkehr und spezialisierter städtischer Produktion. Das Münster und die dichte Bebauung banden über Generationen Steinmetzen, Zimmerleute, Schreiner, Schmiede, Glaser und zahlreiche weitere Bauhandwerke.
Textil- und Bekleidungsgewerbe, Lederverarbeitung, Lebensmittelberufe und Metallhandwerke versorgten eine große Stadtbevölkerung und lieferten zugleich Waren für den Handel. Im 15. und 16. Jahrhundert kam das Buch- und Druckgewerbe als besonders sichtbarer Wirtschaftszweig hinzu. Straßburg wurde zu einem wichtigen Zentrum von Druck, Humanismus und Reformation.



Französische Souveränität
1681: Ein Herrschaftswechsel – aber kein sofortiges Ende der Zunftverfassung
Am 30. September 1681 unterwarf sich Straßburg dem französischen König Ludwig XIV. Die Stadt wurde in die französische Monarchie eingegliedert und entwickelte sich zugleich zur stark befestigten Garnisonsstadt.
Für die Zunftgeschichte ist eine wichtige Differenzierung nötig: Die französische Übernahme beseitigte die Verfassung von 1482 nicht sofort. Die Kapitulationsbedingungen ließen wesentliche städtische Institutionen weiterbestehen. Forschung zur Stadtverwaltung betont ausdrücklich, dass die alte Verfassungsordnung zunächst in Kraft blieb, während königliche und militärische Herrschaftselemente darübergelegt wurden.
1789–1791
Die Revolution beendet Verfassung und Zunftzwang
Die Französische Revolution veränderte das Verständnis von Bürgerrecht und Beruf radikal. Die alten städtischen Korporationen, Privilegien und ständischen Ämter galten nun als Hindernisse einer einheitlichen Staats- und Bürgerordnung.
1789 endete die politische Verfassung, die in ihrer letzten großen Fassung seit 1482 bestanden hatte. 1791 beseitigte das Gesetz Le Chapelier die alten Zünfte und Berufsvereinigungen. Zunfteigentum wurde veräußert, korporative Berufsrechte verloren ihre alte Rechtsgrundlage und die Freiheit der Berufsausübung wurde zum neuen Prinzip.
Damit verschwand eine Organisationsform, die Straßburg über Jahrhunderte nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch geprägt hatte.
Ein späteres Kapitel begann nach 1871 im Reichsland Elsaß-Lothringen. Neue Handwerksgesetzgebung führte moderne Berufsorganisationen und eine Handwerkskammer ein. Diese Einrichtungen waren jedoch keine einfache Wiederkehr der mittelalterlichen Zunftverfassung, sondern Teil des modernen Kammer- und Innungswesens.
Chronik
Die wichtigsten Daten der Straßburger Zunftgeschichte
Handwerkliche Korporationen werden als dauerhafte städtische Organisationsformen greifbar.
Nach dem Sieg bei Hausbergen löst sich Straßburg aus der bischöflichen Stadtherrschaft; Handwerker beteiligen sich am städtischen Aufgebot.
Die Stadt ordnet den Handwerken Meister zu – frühe kommunale Einbindung der Berufsorganisation.
Die Zünfte erhalten 25 von 50 Ratssitzen. Der Ammeister stammt aus ihren Reihen.
Ein erster Schwörbrief formuliert die neue Macht- und Wahlordnung in verfassungsartiger Form.
Die jährliche Wahl des Ammeisters wird in der weiterentwickelten Schwörbriefordnung festgeschrieben.
Endgültige Fassung des Schwörbriefs: zwanzig Zünfte bilden das politische Rückgrat; zünftige Vertreter besetzen etwa zwei Drittel der maßgeblichen Ämter.
Straßburg kommt unter französische Souveränität. Die Verfassung von 1482 bleibt zunächst bestehen.
Die Französische Revolution beendet die alte ständisch-korporative Stadtverfassung.
Das Gesetz Le Chapelier löst Zünfte und andere Berufsvereinigungen auf.
Im Reichsland Elsaß-Lothringen entsteht ein modernes Handwerks- und Kammerwesen; es knüpft institutionell an Berufsorganisation an, nicht aber an die mittelalterliche Zunftherrschaft.
Quellen & Forschung
Die wichtigsten Grundlagen dieser Stadtchronik
- 5e Lieu / Ville de Strasbourg: Themenheft zu den Straßburger Zünften und Korporationen; zentrale Grundlage für 1262, 1332, Zunftmeister, Stuben, Verteidigungspflichten, die Zahl der Vertreter ab 1482 und die Auflösung 1791.
- German History in Documents and Images: „Constitution (Schwörbrief) of the Imperial City of Strasbourg (1482)“ – englische Einführung und Edition zur endgültigen Verfassungsfassung.
- Maisons de Strasbourg: Überblick zur Charte de 1482 und zur Folge der Straßburger Schwörbriefe von 1334 bis 1482.
- Universität Heidelberg / wissenschaftliche Editions- und Forschungsangebote: Materialien zum Straßburger Verfassungs- und Gesandtschaftswesen sowie zur Wahl des Ammeisters.
- Heidelberger Akademie der Wissenschaften: Quellen und Erläuterungen zu Zunftmeister, Schöffen und der politischen Ordnung der Reichsstadt.
- Ville et Eurométropole de Strasbourg: Stadtgeschichte zum Übergang unter französische Herrschaft am 30. September 1681.
- Persée / Revue historique des armées: Forschung zur Kapitulation von 1681 und zum Fortbestand der Verfassung von 1482 unter französischer Souveränität.
- Bildquelle: Georg Braun und Frans Hogenberg, Civitates Orbis Terrarum, Straßburg 1572, Digitalisat der Universitätsbibliothek Heidelberg via Wikimedia Commons, Public Domain. Die übrigen Berufsabbildungen stammen aus dem Ständebuch von Jost Amman (1568) und dienen ausdrücklich als allgemeine historische Handwerksikonographie.
Quellen und weiterführende Recherche
Die Darstellung wurde redaktionell zusammengefasst. Für Originalbestände, Begriffe und regionale Varianten empfehlen sich insbesondere: