Berlin begann nicht als riesige Industriestadt. Das mittelalterliche Berlin und Cölln waren vergleichsweise überschaubare Städte, in denen Bäcker, Fleischer, Schmiede, Schuster, Schneider, Gerber, Zimmerleute und andere Gewerbe die tägliche Versorgung sicherstellten. Wie in anderen Städten entstanden lokale Ordnungen und berufsständische Zusammenschlüsse. Ihre Regeln waren an die konkrete Stadtgesellschaft gebunden und dürfen nicht rückwirkend mit dem späteren Berliner Handwerk gleichgesetzt werden.
Mit dem Aufstieg zur brandenburgisch-preußischen Residenz veränderte sich die Nachfrage. Hof, Verwaltung, Militär und repräsentativer Ausbau zogen Bauhandwerker, Tischler, Gold- und Silberschmiede, Schneider, Hutmacher, Gießer, Graveure, Buchdrucker und Instrumentenmacher an. Zuwanderung spielte dabei eine große Rolle. Hugenottische und andere Migranten brachten Fertigkeiten, Arbeitsweisen und Netzwerke mit. Berlin wurde dadurch zu einem Ort, an dem lokale Tradition und importiertes Spezialwissen eng zusammenwirkten.
Im 18. Jahrhundert kamen Manufakturen und staatlich geförderte Produktion hinzu. Textilien, Porzellan, Metallwaren und Luxusgüter wurden in größeren, teilweise arbeitsteiligen Betrieben hergestellt. Diese Einrichtungen waren keine klassischen Zünfte. Sie zeigen vielmehr, wie die Residenz neue Produktionsformen neben das alte Stadtgewerbe stellte. Handwerker konnten als selbstständige Meister, Zulieferer oder Beschäftigte in solchen Systemen arbeiten.
Das 19. Jahrhundert machte Berlin schließlich zu einer der wichtigsten Industriestädte Europas. Maschinenbau, Elektrotechnik, Druck, Bekleidung, Möbel, Bau und Verkehrstechnik wuchsen rasant. Handwerkliche Fähigkeiten verschwanden nicht; sie wurden in Fabriken, Reparaturbetrieben und technischen Werkstätten neu eingesetzt. Präzises Feilen, Drehen, Gießen, Montieren und Messen bildete die Basis vieler neuer Industrieberufe. Gleichzeitig blieben Bäcker, Friseure, Tischler, Schneider, Schuhmacher und Bauhandwerker Teil des Alltags.
Für die Gegenwart ist Berlin erneut ein besonderer Handwerksraum: Restaurierung, Denkmalpflege, Gestaltung, Mode, Musikinstrumente, Lebensmittel, Fahrrad- und Fahrzeugtechnik, Elektro, Sanitär, Bau und digitale Fertigung liegen dicht beieinander. Die Stadt ist daher ein Beispiel dafür, wie Handwerk seine Formen verändert, ohne seine Kernidee zu verlieren: qualifizierte Arbeit an Material, Objekt, Gebäude oder technischer Anlage.