Zunftlexikon · Berufsgeschichte

Zünfte und Handwerk in Weimar – Residenz, Kunsthandwerk & Bauhaus

Geschichte, Werkzeuge, Zunftzeichen und Entwicklung eines historischen Handwerks.

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Historisches Handwerk

Werkstattkultur · Kunstgewerbe · Bauhaus

Zünfte und Handwerk in Weimar

Weimar ist auch eine Stadt der hergestellten Dinge. Vom Cranachaltar über Henry van de Veldes Gestaltung bis zu den Werkstätten des Bauhauses begegnen sich Entwurf, Material und praktische Ausführung immer wieder auf neue Weise.

Dieses Profil verfolgt besonders den Übergang vom Kunsthandwerk zur modernen Gestaltungsausbildung. Das Bauhaus griff auf Werkstatt und Meisterlehre zurück, entwickelte daraus jedoch ein eigenes Schulmodell. Seine Geschichte erklärt sich durch konkrete Arbeitsorte, Personen und Gegenstände.

Historische Stadtansicht von Weimar nach Matthäus Merian, um 1650
Weimar um 1650 nach Matthäus Merian. Historische Stadtansicht; Bildquelle: Wikimedia Commons.
1555Cranachaltar in der Stadtkirche
1902Van de Velde wird nach Weimar berufen
1919–1925Bauhaus in Weimar
1923Versuchshaus Am Horn

Bildkunst als Werkstattarbeit

Der 1555 vollendete Cranachaltar in der Stadtkirche St. Peter und Paul führt in eine ältere Weimarer Werkstattkultur. Die Forschungsdokumentation des Cranach Digital Archive erschließt das Werk mit Literatur und Untersuchungen. Es gehört in den Zusammenhang von Hof, Reformation und bildlicher Vermittlung religiöser Inhalte.

Ein Flügelaltar ist zugleich Bild und gebauter Gegenstand. Träger, Rahmen und bemalte Oberfläche müssen zusammenwirken; seine Aufstellung bestimmt, wie er gesehen wird. Die Untersuchung des Materials ergänzt deshalb die Deutung der dargestellten Figuren und Szenen.

Für das Zunftlexikon ist dieser doppelte Blick hilfreich: Kunstwerke sind nicht nur Ideen, sondern Ergebnisse von Arbeit. Ihre spätere Erhaltung erfordert wiederum Kenntnisse über die verwendeten Stoffe und die ursprüngliche Ausführung.

Cranach Digital Archive: Weimarer Epitaphaltar

1902: Gestaltung wird zur Beratung für das Gewerbe

Henry van de Velde wurde 1902 nach Weimar berufen. Die Klassik Stiftung beschreibt ihn als künstlerischen Berater des Großherzogs Wilhelm Ernst und betont seine Verbindung von Kunst, Industrie und Handwerk. Im Kunstgewerbeseminar sollten Gestaltung und praktische Herstellung aufeinander bezogen werden.

Zu seinen Weimarer Arbeiten gehören das Interieur des Nietzsche-Archivs und sein Wohnhaus Hohe Pappeln. Solche Projekte verbinden große und kleine Maßstäbe: Ein Raum besteht nicht allein aus Wänden, sondern ebenso aus Möbeln, Beschlägen, Oberflächen und Gegenständen des Gebrauchs.

Die Qualität eines Entwurfs lässt sich dabei an seinem Zweck prüfen. Ein Griff muss sich benutzen lassen, ein Möbel seinen Dienst erfüllen. Diese Aufmerksamkeit für den Gebrauch führte über die bloße Übernahme historischer Schmuckformen hinaus.

Klassik Stiftung: Van de Veldes Weimarer Arbeit

Räume für das gemeinsame Lernen und Arbeiten

Zwischen 1904 und 1911 entstanden nach van de Veldes Plänen die Weimarer Kunstschulbauten. 1919 verband Walter Gropius die Kunstschule und die ehemalige Kunstgewerbeschule zum Staatlichen Bauhaus. Bis 1925 hatte es hier seinen Sitz.

Ein Schulgebäude prägt, wie gelernt werden kann. Werkstätten brauchen Arbeitsplätze, Licht und Raum für Material; Ateliers ermöglichen andere Tätigkeiten. Die Gebäude waren somit keine neutrale Hülle für ein beliebiges Programm, sondern Teil der praktischen Voraussetzungen des Unterrichts.

Die Bauhaus Kooperation weist auch auf Spannungen zwischen unterschiedlichen Kunstauffassungen hin. Nicht alle zuvor beteiligten Lehrenden teilten die neue Ausrichtung. Das Bauhaus entstand in einer vorhandenen Institutionenlandschaft und musste seine Arbeitsweise darin erst ausbilden.

Bauhaus Kooperation: Gebäude der Kunsthochschule Weimar

Werkmeisterin Helene Börner und die Textilklasse

Die Weberei begann 1919 unter dem Formmeister Johannes Itten. Die handwerkliche Leitung lag bis 1925 bei Helene Börner. 1920 wurde die eigens für Frauen eingerichtete Textilklasse mit der Weberei verbunden. Die Bauhaus Kooperation nennt neben dem Weben auch weitere textile Techniken als Unterrichtsinhalte.

Diese Aufteilung zwischen Form- und Werklehre zeigt, dass Gestaltung und praktische Ausführung unterschiedlich betreut wurden. Sie lenkt den Blick zugleich auf eine Person, deren handwerkliche Lehrarbeit hinter den bekannten Künstlernamen leicht übersehen wird.

Die Verbindung der Frauenklasse mit der Weberei gehört ebenfalls zum Profil der Schule. Ein modernes Gestaltungsprogramm bedeutete nicht automatisch gleiche berufliche Möglichkeiten in allen Werkstätten. Die tatsächlichen Lernwege müssen jeweils betrachtet werden.

Bauhaus Kooperation: Weberei und ihre Lehrenden

Die Leuchte als Ergebnis gemeinsamer Entwicklung

In der Metallwerkstatt entstand die Tischleuchte von Carl Jakob Jucker und Wilhelm Wagenfeld. Das Museum of Modern Art ordnet sie der Neuorganisation der Werkstatt unter László Moholy-Nagy ab 1923 zu. Die Arbeit verband neue Materialien mit dem Interesse an vervielfältigbaren Erzeugnissen.

Die Bauhaus Kooperation beschreibt außerdem einen Produktivbetrieb, in dem einzelne Modelle selbst hergestellt wurden. Zwischen dem Entwurf und einer größeren Fertigung lag also eine Phase konkreter Werkstattarbeit. Proportionen, Verbindungen und Oberflächen mussten am Gegenstand gelöst werden.

Die Leuchte ist damit ein anschauliches Gegenbeispiel zur Vorstellung des vollständig isolierten Entwerfers. Mehrere Personen und eine institutionelle Werkstatt standen hinter einem später berühmt gewordenen Objekt.

MoMA: Tischleuchte von Wagenfeld und Jucker · Bauhaus Kooperation: Metallwerkstatt

1923: Wohnen wird als Ganzes erprobt

Das Haus Am Horn wurde 1923 als Versuchshaus für die Bauhaus-Ausstellung errichtet. Nach der Klassik Stiftung ist es die einzige vom Bauhaus in Weimar realisierte Architektur. Meister und Schülerinnen und Schüler stellten darin ihre Vorstellung zeitgemäßen Bauens und Wohnens vor.

Das Haus verband einzelne Gestaltungsergebnisse in einem benutzbaren Zusammenhang. Ein Möbel musste zum Raum passen, eine Leuchte zu ihrer Aufgabe und ein Grundriss zum Alltag. Gerade diese Abstimmung macht den Unterschied zwischen einer Sammlung schöner Einzelstücke und einem Wohnentwurf aus.

Die europäische Denkmalpreis-Dokumentation hebt auch die Beteiligung örtlicher und regionaler Unternehmen am Bau hervor. Die Schule arbeitete somit an einem realen Vorhaben mit ausführenden Betrieben zusammen. Ein experimenteller Entwurf brauchte handwerkliche Umsetzung.

Klassik Stiftung: Haus Am Horn · European Heritage Awards: Bau und Erhaltung des Hauses

Original, Rekonstruktion und heutiger Lehrort

Im Van-de-Velde-Bau verweisen Wandgestaltungen Oskar Schlemmers auf die Bauhaus-Ausstellung von 1923. Die Universität kennzeichnet die heute sichtbaren Rekonstruktionen ausdrücklich. Das ist für einen Besuch wichtig: Eine anschauliche Präsentation kann historische Gestaltung vermitteln, ohne selbst vollständig aus der Entstehungszeit zu stammen.

Die Gebäude sind zugleich Teil einer weitergenutzten Hochschule. Lernen und Arbeiten finden damit an Orten statt, die selbst zum Gegenstand der Geschichte geworden sind. Ihr Erhalt verlangt die Verbindung von Denkmalpflege und gegenwärtigem Gebrauch.

Bauhaus-Universität: Van-de-Velde-Bau und Wandgestaltungen

Werkstatt bedeutet in jeder Epoche etwas anderes

Cranachaltar, Kunstgewerbeseminar und Bauhaus sind keine unveränderte Tradition derselben Zunft. Sie zeigen verschiedene Auftraggeber, Lernformen und Produktionszusammenhänge. Gemeinsam ist ihnen die Arbeit daran, einen Entwurf in ein materielles Ergebnis zu übersetzen.

Wer Weimar unter diesem Blickwinkel betrachtet, findet hinter den berühmten Namen eine Vielzahl von Tätigkeiten. Die Frage nach Material, Ausführung und Zusammenarbeit verbindet die Kulturgeschichte mit dem Alltag ihrer Werkstätten.

Zeitleiste: Handwerksgeschichte in Weimar

1555

Vollendung des Cranachaltars in der Stadtkirche.

1902

Van de Velde wird nach Weimar berufen.

1904–1911

Entstehung der Kunstschulbauten.

1919

Gründung des Staatlichen Bauhauses.

1920

Textilklasse und Weberei werden verbunden.

1923

Haus Am Horn und Bauhaus-Ausstellung.

1925

Das Bauhaus verlässt Weimar.

Quellen, Bilder und weiterführende Spuren

Klassik Stiftung, Bauhaus Kooperation, Universität und Museumsdokumentation erschließen die örtlichen Werkstätten. Die Amman-Bilder sind bewusst als ältere Vergleiche beschriftet und zeigen keine Einrichtungen des Bauhauses.

Die Quellen stehen jeweils beim zugehörigen Kapitel. Die historische Stadtansicht zeigt Weimar. Die mit Jost Amman bezeichneten Berufsbilder stammen aus dem Ständebuch von 1568 und erläutern Tätigkeiten vergleichend; weitere Abbildungen sind jeweils gesondert beschriftet.

REGIONALE EINORDNUNG

Zunftzeichen und Zunftwappen dieser Region einordnen

Lokale Zünfte konnten eigene Namen, Regeln, Zeichen und Bildtraditionen besitzen. Deshalb werden regionale Belege nicht automatisch als allgemeingültiges Zunftwappen eines Berufs behandelt.

Allgemeine Berufs- und Handwerkszeichen findest du zusätzlich im Berufswappen-Lexikon A–Z.

Quellenregel: Ein lokales historisches Zunftwappen, ein Zunftzeichen, ein allgemeines Berufszeichen und eine moderne Orientierungsdarstellung sind nicht automatisch dasselbe.

AUTOR · RECHERCHE · EINORDNUNG

Über Recherche und Gestaltung

M. Achberger

Für das Zunftlexikon recherchiere ich historische Quellen, Museumsbestände, Handwerksordnungen und Bildquellen. Ich ordne die Entwicklung der Berufe ein und verbinde dieses Wissen mit meiner künstlerischen Arbeit im Atelier Achberger. Wo sich Regeln und Bezeichnungen regional oder zeitlich unterscheiden, kennzeichne ich das so genau wie möglich.

Historische Recherche · Quellenkritik · Bild- und Handwerksgeschichte

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