Baden-Württemberg bündelt mehrere historische Räume, die erst seit dem 20. Jahrhundert in einem Bundesland zusammengefasst sind. Für die Handwerksgeschichte ist diese Vorgeschichte entscheidend. Ulm, Esslingen, Reutlingen, Schwäbisch Hall oder Ravensburg waren in unterschiedlichen Zeiten reichsstädtisch geprägt; Stuttgart war Residenz; Freiburg und der Oberrhein standen in anderen politischen und wirtschaftlichen Zusammenhängen; der Schwarzwald entwickelte spezialisierte ländliche und kleinstädtische Gewerbe. Wer die Region nur als heutiges Bundesland betrachtet, übersieht deshalb, dass Zunftordnungen, Marktbedingungen und Ausbildung lokal sehr verschieden sein konnten.
Besonders sichtbar ist die Verbindung von Standort und Material. Waldreichtum förderte Holzgewerbe, Drechslerei, Möbelbau und im Schwarzwald auch die Entwicklung von Uhrmacherei und feinmechanischen Tätigkeiten. Textilzentren auf der Schwäbischen Alb und am Neckar verbanden Spinnen, Weben, Färben, Walken, Schneidern und Handel. In den Städten arbeiteten Gold- und Silberschmiede, Schmiede, Schlosser, Gerber, Bäcker, Metzger, Drucker, Buchbinder und zahlreiche Baugewerke. Stein, Holz, Metall, Leder und Textilien bildeten keine isolierten Materialwelten, sondern trafen in Häusern, Kirchen, Geräten, Fahrzeugen und später Maschinen immer wieder zusammen.
Die Industrialisierung veränderte diese Struktur tief, löschte das Handwerk aber nicht aus. Im Raum Stuttgart, Esslingen, Heilbronn, Mannheim und Karlsruhe entstanden technische Betriebe, in denen handwerkliche Präzision eine Voraussetzung für Maschinen-, Fahrzeug- und Elektrotechnik blieb. Robert Bosch steht exemplarisch für diesen Übergang: Seine Ausbildung und Werkstattpraxis gehören in die Geschichte der Feinmechanik und Elektrotechnik, während das spätere Unternehmen längst industriellen Maßstab erreichte. Ähnlich verliefen Entwicklungen in Textil, Metall und Werkzeugbau.
Für dieses Profil werden historische Zünfte deshalb nicht mit heutigen Innungen gleichgesetzt. Ebenso wenig werden Heimgewerbe, Hofwerkstatt, Manufaktur und Fabrik als dasselbe Organisationsmodell behandelt. Die gemeinsame Klammer ist das handwerkliche Wissen: Material beurteilen, Werkzeuge führen, Arbeitsfolgen beherrschen, Qualität prüfen und Können weitergeben. Gerade in Baden-Württemberg lässt sich beobachten, wie solche Fähigkeiten aus lokalen Zunftmilieus in technische Schulen, Betriebe, moderne Ausbildungsberufe und hoch spezialisierte Werkstätten übergingen.
Das Land ist außerdem ein gutes Beispiel dafür, dass Handwerksgeschichte nicht nur in Großstädten liegt. Schwarzwälder Uhrmacher, ländliche Weber, Holzhandwerker in Tälern, Werkstätten an Klöstern, Hafner und Bauleute kleiner Städte gehören ebenso dazu wie die berühmten Reichsstädte. Deshalb verbindet die Seite Stadtprofile mit regionalen Räumen, Materialien, Museen und heutigen Kammerstrukturen. So entsteht keine Liste von Orten, sondern ein Netz aus Arbeit, Rohstoffen, Handel und Wissen.